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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Alles da?
15:25 16.08.2017
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Erst ein Titel, dann Platz acht, dann fast der Abstieg: der VfL hat gerade die Jahre 2009, 2010 und 2011 wieder Holt. Er hat dabei viel gelernt - und erfindet sich mal wieder neu.

von Andreas Pahlmann


Wahrscheinlich würde die jüngere Geschichte des VfL Wolfsburg anders aussehen, hätte die Dienstfahrt im April 2016 einen anderen Ausgang genommen. Mit Klaus Allofs an der Spitze war eine kleine Wolfsburger Delegation in die Schweiz gereist, um mit Lucien Favre über ein Engagement in Niedersachsen zu reden. Der Trainer, damals noch nicht in Nizza unter Vertrag, schien nicht abgeneigt zu sein. Man gab sich gegenseitig Bedenkzeit, aber schließlich entschied Allofs, als Sportgeschaftsführer für diese Art von Weichenstellung zuständig, dass man Dieter Hecking – immerhin Pokalsieger und Vizemeister mit dem VfL – nicht einfach den Trainerstuhl vor die Tür setzen könne.

13 Monate später war Hecking weg, Allofs weg, Heckings Nachfolger weg, und der VfL entging dem Abstieg in die 2. Liga nur, weil irgendwer ein paar Jahre zuvor den Relegations-Rettungsschirm bereitgelegt hat. Der große Erleichterungs-Jubel der Fans nach dem Klassenerhalt war begründet, der der Spieler eher nicht. Sie hatten nicht heile das Ziel erreicht, sondern waren nach einem Totalschaden mit viel Glück halbwegs unversehrt dem Wrack entstiegen, das eigentlich einmal eine ambitionierte deutsche Fußball-Mannschaft hätte sein sollen.

Begleitet wurde die Unfallfahrt von einer quälenden Diskussion um Spieler, die die Stadt angeblich lieber heute als morgen verlassen wollen. Eine Diskussion, die die vom Abgas-Skandal ohne ohnehin geschundene Wolfsburger Seele zutiefst schmerzte und die befeuert wurde von der Passivität einer sportlichen Führung, der die Mittel fehlten, die Diskussion mit und um Julian Draxler und Co. so zu moderieren, dass der VfL keinen Schaden nimmt. Auf die Frage, wer denn nun wirklich mit dem Herzen in Wolfsburg ist und bleiben will, fiel einem außer Wölfi bald kaum noch jemand ein. Ein Mitglied des damaligen Trainerteams machte sich zu Beginn der vergangenen Spielzeit mal die Mühe, alle sicher oder sehr wahrscheinlich wechselwilligen Spieler aufzulisten. Er kam auf 17 Namen.

Die Hoffnung, dass trotz dem alles gut werden könne, verschwand im Laufe der vergangenen Saison, das handelnde Personal auch. Erst Hecking, dann Allofs, dann Draxler, dann der mangels Alternativen – Favre war längst in Nizza erfolgreich – zum überforderten Neu-Cheftrainer avancierte Valérien Ismaël. Schließlich ging mit Thomas Röttgermann auch noch ein weiterer Geschäftsführer. Der hatte zwar mit der sportlichen Krise nichts zu tun, als Beleg für einen sich scheinbar auflösenden VfL taugte sein Abschied aber allemal.

In dieser Phase hatten die neuen Macher einen großen Vorteil: Sportdirektor Olaf Rebbe und der aus London geholte Trainer Andries Jonker konnten nicht für strukturelle Probleme verantwortlich gemacht werden, man sah ihnen nach, dass es unterm Strich sportlich nicht besser wurde in der Rückrunde – und dass auch die in der Winterpause nachgekauften Spieler nicht überzeugten. Über dem VfL 2017 stand lange das Motto: Augen zu und durch.

Und nun steht der VfL vor seiner 21. Bundesliga-Saison da, wo er schon einmal stand. Nach der Meisterschaft 2009 und dem Pokalsieg 2015 gab es dieselbe Entwicklung: ein enttäuschender Platz acht im Folgejahr, ein Fast-Abstieg im Jahr darauf. Beide Phasen flankiert von personellen Umbrüchen, nicht nur auf dem Platz , sondern auch in der sportlichen Führung. Der Traum von Kontinuität erwies sich jeweils als Seifenblase. Der große Unterschied: 2017 ist Wolfsburg im Abstiegskampf so eng zusammengerückt wie wohl noch nie in 20 Jahren Bundesliga. Dass sich ausgerechnet im Jubiläumsjahr die Krise immer mehr zuspitzte, schärfte offenbar den Blick dafür, was hier eigentlich auf dem Spiel steht. „Wir haben etwas zusammen erlebt“, sagt Jonker. „Keine Meisterschaft, keinen Titel, aber wir haben etwas erlebt.“ Dieses Gefühl sei zu spüren gewesen, als sich seine Spieler nach dem Sommerurlaub erstmals wieder getroffen haben. Das gilt auch für den Umgang mit den Fans, deren Bedeutung Jonker immer wieder betont: „Was wir hier machen, machen wir für sie.“ Und wer ihn sah, den schmalen Holländer nach dem Relegationsspiel in Braunschweig zwischen den eigenen Anhängern, der weiß, dass er das wirklich so meint. Der VfL zahlt so ein bisschen von dem zurück, was seine Fans ihm am Ende der vergangenen Saison gegeben haben – bedingungslose, den Schmerz der Katastrophen-Saison ignorierende Unterstützung. Von den Fan-Märschen zum Stadion über die Banner in der ganzen Stadt und die tolle Fan-Doku „20“ bis zum Motto „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“, das der VfL aus der Fan-Szene übernommen hat: Es ist was passiert in Fußball-Wolfsburg. Und der VfL erfindet sich dabei mal wieder neu.

Die neue Doppel-Sechs des VfL? Neuzugang Ignacio Camacho und Riechedly Bazoer.
Die neue Doppel-Sechs des VfL? Neuzugang Ignacio Camacho und Riechedly Bazoer.

Wie stabil das alles ist, hängt von der sportlichen Entwicklung ab, das ist eine Binsenweisheit. Es wurde an so vielen Stellen geschraubt, dass die Frage diesmal nicht einmal lautet „Passt alles zusammen?“, sondern eigentlich nur: „Ist alles da?“ Ist Torgefahr in der Breite da? Die Treff er von Mario Gomez alleine werden nicht reichen. Ist Erfahrung da? Davon hat der VfL mit Diego Benaglio, Luiz Gustavo und zuvor Marcel Schäfer reichlich abgegeben. Ist Qualität da? Die fehlte phasenweise in allen Mannschaftsteilen; Neuzugänge wie Abwehrhüne John Anthony Brooks und Mittelfeld-Balleroberer Ignacio Camacho machen zumindest Hoffnung auf Besserung. Ist Kontinuität in der sportlichen Führung da? Jonker muss den Beweis antreten, dass er den Aufbau einer Mannschaft und das Vermitteln einer Spielidee konsequent betreiben kann. Ist Sportkompetenz da? In der einst vierköpfigen Geschäftsführung sitzen zwei Nicht-Fußballer, der Sportdirektor ist ein Quereinsteiger. Ist Geduld da? Spieler wie Felix Uduokhai, Gian-Luca Itter oder Kaylen Hinds brauchen womöglich mehr Zeit, als man üblicherweise in der Bundesliga zur Verfügung hat.

Was auf jeden Fall da ist, ist der Wille zum Wandel, Sportdirektor Rebbe hat zusammen mit Jonker mehr verändert, als man beim flüchtigen Blick erkennen mag. Der Nachwuchs-Bereich sortiert sich in der Fußball-Akademie neu, die Betreuung ausländischer Profi s und die Hierarchie in der medizinischen Abteilung wurden verändert, Fan-Nähe wird häufig nicht nur zugelassen, sondern gesucht. Rebbe, und das unterscheidet ihn von Allofs, geht dabei die Dinge an, statt sie – wie bei der Trainer-Entscheidung im April 2016 – laufen zu lassen. Das neue Wolfsburger Wir-Gefühl ist auch sein Werk.

Dass sich der VfL Veränderungen auch leisten kann, ist dabei nicht nur finanziell zu verstehen. Trotz aller VW-Sorgen gehören Wolfsburgs Fußballer immer noch zu den gut Ausgestatteten der Branche. Aber weil nach der vergangenen Saison niemand mehr laut von Europa redet, VW-Vorstand und Aufsichtrats-Chef Francisco Garcia Sanz bescheiden von einem einstelligen Tabellenplatz spricht und Rebbe immer wieder völlig zu Recht das Wort „Demut“ in seine Antworten nach Saisonziel-Fragen eingebaut hat, ist die Fallhöhe eine andere. Sie ist deutlich geringer als zu der Zeit, in der 30-Millionen-Einkäufe den Spagat zwischen Champions-League-Festen und Liga-Tristesse nicht hinbekamen. Einem VfL, der weithin unbekannte Spieler wie Nany Dimata oder William holt, sieht man mehr nach als einem VfL, der mehr sein wollte, als er sein kann. Und der dabei auf Spieler setzte, die zwar Vermarktungspotenzial boten, mit denen sich aber die Menschen zwischen Nordkurve und Nordsteimke nie wirklich identifiziert haben. Anders gesagt: Wer dem neuen VfL zuschaut, dem machen plötzlich Maxi Arnolds Grätschen mehr Spaß als Draxlers Übersteiger.

Wurde schnell zur Identifi kationsfi gur: VfL-Stürmer Mario Gomez.
Wurde schnell zur Identifi kationsfi gur: VfL-Stürmer Mario Gomez.

Mario Gomez hat das verstanden, mehr vielleicht als alle anderen. In der sportlichen Krise der vergangenen Saison stellte er sich mit einer Selbstverständlichkeit in den Wind der öffentlichen Kritik, als wäre er schon seit Jahren da. Wahrscheinlich ist auch für ihn Wolfsburg nur eine Zwischenstation auf dem Weg von der großen Karriere zur Zeit nach der Karriere. Eine Identifikationsfigur ist er, natürlich auch wegen seiner Popularität, dennoch.

Andererseits ist Gomez auch das größte Fragezeichen. Um den Stürmer wieder auf eine Torquote wie in der Vorsaison zu bringen, muss Jonker das Spiel auf ihn zuschneiden – läuft damit aber Gefahr, zu ausrechenbar zu sein. Die Testspiele vor der Saison jedenfalls wirkten so, als wäre der VfL in Sachen Torgefahr noch auf der Suche nach der richtigen Balance. Und: Dass sich nach den Abgängen vieler langjähriger VfLer jetzt um den Nationalspieler herum eine tragfähige Hierarchie bildet, ist keinesfalls sicher.

Was aber weder Gomez noch dem VfL fehlt, ist Optimismus. „Der Verein ist auf dem besten Weg, den Umbruch zu schaffen. Ich bin zuversichtlich“, sagt der Angreifer. Geschäftsführer Wolfgang Hotze, als ehemaliger VW-Steuerchef ein Mann der Zahlen, formuliert seine Zuversicht so: „Ich würde mir wünschen, dass wir gegen Dortmund bestehen. Und wenn wir dann aus den nächsten drei Spielen sechs Punkte holen, hätten wir sieben. Dann wäre der Start wirklich okay.“ Und der VfL hätte eine gute Ausgangslage für eine Saison, die wahrscheinlich nicht die erfolgreichste seiner Geschichte werden wird. Aber wenn alles (oder zumindest möglichst viel) da ist, was der VfL braucht, wird‘s eine aufregend-schöne.

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