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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Auf besser muss jetzt gut Folgen
09:08 14.08.2019

Von Andreas Pahlmann  

Es gehört zu den Standard-Regeln der modernen Betriebsführung, dass man Veränderungen gerade dann anstreben sollte, wenn es gut läuft. Beim VfL lief es in der vergangenen Saison ziemlich gut. Genauer: Es lief viel besser als in den beiden Fast-Abstiegs-Saisons zuvor, und genau das war der Maßstab: Besser als gerade so nicht absteigen. Jetzt ist Wolfsburg nicht mehr der doppelte Relegations-Gast, sondern der Sechste der Vorsaison, der Europa-League-Teilnehmer. Ein Jahr ging es darum, besser zu sein als zuvor. Jetzt geht es darum, gut zu sein. Und das ist nicht leicht.
           

Erfolgreiche Testspiele: sieben Mal blieben William, Weghorst, Victor und Co. ohne Niederlage.
Erfolgreiche Testspiele: sieben Mal blieben William, Weghorst, Victor und Co. ohne Niederlage.

Darum wurde geschraubt wie lange nicht mehr. Obwohl kein Stammspieler den VfL verlassen hat, hat sich vieles verändert – weil Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer eine klare Vorstellung davon haben, wie der VfL Fußball spielen soll. Schneller als bisher, mit kurzen Wegen vom Ballgewinn bis zum Torabschluss, mit aggressivem Pressing, früher Balleroberung. Dafür haben sie einen Trainer gesucht und in Österreich gefunden.

Bereits im Dezember des vergangenen Jahres war der Name Oliver Glasner ein Thema rund um den VfL, der in Deutschland unbekannte Linz-Trainer wurde als möglicher Wolfsburg-Coach gehandelt – für den Fall, dass es mit Bruno Labbadia nicht weitergeht. Sowohl Glasner als auch Schmadtke versichern mittlerweile glaubwürdig, dass zu diesem Zeitpunkt die Idee einer Zusammenarbeit noch gar nicht geboren war, von einer Kontaktaufnahme ganz zu schweigen. Dass die Gerüchte trotzdem aufkamen, lag daran, dass die Kombination Glasner/Wolfsburg viel naheliegender war als viele glaubten. Denn dass Schmadtke und Linz-Berater Jürgen Werner befreundet sind, ist in der Branche ebensowenig ein Geheimnis wie die Tatsache, dass in Linz ziemlich viel von dem Fußball zu sehen war, wie ihn sich Schmadtke und Schäfer künftig beim VfL vorstellen. Und als Labbadia dann seine Demission ankündigte, kam eben relativ schnell zusammen, was ganz offenbar zusammengehört.


„DAS NEUE 3-4-3-SYSTEM SOLL DAS VFL-SPIEL SCHNELLER, GEFÄHRLICHER UND IM IDEALFALL AUCH SPEKTAKULÄR MACHEN“


Mit seinen Co-Trainern setzte sich Glasner Ende Juni in einen VW-Bulli und fuhr nach Wolfsburg. Unterwegs hatte die Männer-Reisegruppe viel Zeit, darüber zu reden, wie sie es beim VfL angehen will. Grundlage waren dabei auch Statistiken aus der vergangenen Saison. Enorm viele Sprints, aber auch viel zu viele Querpässe entdeckte Glasner in dem Zahlenmaterial, schaute sich genau an, wo der VfL Bälle erobert und wo er Bälle verloren hat. Bei den Spielern arbeitete er die Unterschiede zwischen „langsam“ und „zu langsam“, zwischen „schnell“ und „schnell genug“ heraus, daraus zog er seine Schlüsse fürs taktische Grundkonzept. Der defensive Mittelfeldmann muss zwischen die beiden Innenverteidiger, die Außen müssen höher stehen, der Spielaufbau soll möglichst selten durch die Mitte erfolgen, der Ball soll viel weiter vorn erobert werden, die einstigen Flügelstürmer müssen nach innen rücken und dort wie ein torgefährliches Spielmacher-Duo agieren. Das ist der Plan, den man kurz „3-4-3“ nennt und der das VfL-Spiel schneller, gefährlicher, im Idealfall auch spektakulärer machen soll. Das Dumme: Man weiß nie, wie lange es dauert, bis so etwas funktioniert.
            

Bescheidene Ziele: Manager Schmadtke.
Bescheidene Ziele: Manager Schmadtke.

Beim VfL dauerte es 46 Sekunden.

Genau diese 46 Sekunden brauchte der VfL bis zum ersten Tor im ersten Testspiel der Saison, und es war kaum zu glauben, wie sehr dieser Treffer gegen Hansa Rostock dem entsprach, was Glasner zuvor über seine Vorstellungen vom Fußball erzählt hatte. Yunus Malli eroberte den Ball mit aggressivem Einsatz an der Mittellinie, zog sofort einen Sprint an, spielte einen schnellen Doppelpass mit Wout Weghorst und bediente dann den ebenfalls sprintenden Felix Klaus, der ohne Schnörkel aus 16 Metern abzog und traf. Vier Sekunden zwischen Balleroberung und Abschluss. Mit Glück natürlich und gegen einen Drittligisten – aber doch so wunderbar anschaulich, dass man es sich als Trainer nicht besser hätte wünschen können.

Damit so etwas auch klappt, wenn die Defensivspieler aus Angst vor Robert Lewandowski oder Timo Werner zwei Schritte nach hinten weichen und wenn beim Gegner gestandene Nationalspieler verteidigen, ließ Glasner viel üben – auf dem Platz in den heimischen Allerwiesen ebenso wie im österreichischen Schladming. Für die Art, wie der Österreicher trainieren lässt, gibt es keine Maßstäbe, jedenfalls in Wolfsburg nicht. Den Magath-Hügel, Symbol schweißtreibener Saisonvorbereitung, lässt er nicht nur ungenutzt, schon die Idee vom stupiden Konditionstraining ohne Ball scheint ihm suspekt zu sein. Er lässt Yoga-Übungen machen und Konzentration trainieren, Schnick-Schnack-Schnuck spielen und Reaktionsschnelligkeit testen, er packt seine Spieler auf Schubkarren und freut sich, wenn sein Fitness-Coach Michael Berkthold die Profis so sehr zum Lachen bringt, dass sie gar nicht merken, wie anstrengend das alles ist. „Ich kannte das noch nicht. Du musst immer hellwach sein“, stellte Stürmer Wout Weghorst fest – und da war er nicht der Einzige. Glasner setzt mehr als jeder andere VfL-Trainer vor ihm auf gedankliche Fitness, auf die Fähigkeit seiner Spieler, Situationen schneller zu erfassen als der Gegner. „Es ist wie Schach“, sagte er im Verlauf der Vorbereitung, „man muss mehrere Züge vorausdenken“.


„DER VFL SOLL SPASS MACHEN – DENEN; DIE IHN MÖGEN UND NICHT NUR DENEN, DIE SICH IMMER GERN ÜBER IHN LUSTIG MACHEN“


Und weil er das kann, weiß er auch ganz genau, dass der Spaß im Training, das Lehrbuch-Tor gegen Rostock, die acht Treffer im letzten Test gegen Nizza und die Bilanz von sieben Vorbereitungsspielen ohne Niederlage nichts wert sind, wenn es keinen Ertrag gibt, wenn der attraktive Fußball den VfL nicht zumindest in die Nähe der internationalen Fleischtöpfe führt. Dass Wolfsburg in dieser Saison europäisch spielt, ist für den neuen Coach und für das Team ein zweifacher Druck: Es stehen zumindest in den englischen Wochen der Hinrunde weniger Trainingseinheiten zur Verfügung, um die Umsetzung der neuen Ideen zu justieren. Einerseits. Andererseits werden alle immer am Vorjahresergebnis gemessen werden. Ob das zum Dilemma wird, gehört zu den spannendsten Fragen vor dieser Saison.
           

Dialog: Sportdirektor Schäfer mit Neu-Trainer Glasner.
Dialog: Sportdirektor Schäfer mit Neu-Trainer Glasner.

Ebenfalls spannend: Kann der VfL seinen Weg hin zu mehr Kontinuität fortsetzen? Seit dem Abschied von Dieter Hecking 2016 haben mit Valérien Ismaël, Andries Jonker, Martin Schmidt und Bruno Labbadia vier Trainer versucht, ihre Ideen in Wolfsburg umzusetzen, Oliver Glasner ist jetzt der fünfte Coach in knapp drei Jahren. Das ist ein ziemlicher Verschleiß, der (noch) nicht zu der Idee von Schmadtke und Schäfer passt, den VfL bodenständiger und nachhaltiger auszurichten als zu Zeiten der kostspieligen Transfer-Euphorie im Nachgang des Pokalsiegs 2015. Eine Euphorie übrigens, deren Kollateralschäden nachwirken. Denn beim Umbau der Mannschaft stehen immer noch Kader-Altlasten im Weg, die mit üppig dotierten Verträgen wertvollen Platz im Gehalts-Budget des VfL blockieren. „Wir haben“, so Finanzgeschäftsführer Dr. Tim Schumacher am Ende der vergangenen Saison, „den einen oder anderen Spieler, der zu internationalen Bedingungen verpflichtet worden ist, aber vielleicht aktuell sportlich keine Rolle spielt. Wir sind dabei, den Kader zu optimieren.“ Diese Optimierung dauere aber sicher „zwei, drei Spielzeiten“. Da hilft es sehr, dass es Eigner VW seit der Amtsübernahme des neuen VfL-Aufsichtsratschefs Frank Witter vermieden hat, mit überehrgeizigen Zielvorgaben den Druck auch noch unnötig zu vergrößern. Auf dem Familienfest zur Saisoneröffnung formulierte Schmadtke die Ziele des VfL entsprechend defensiv. „Zuerst einmal sollten wir gut in die Saison kommen“, sagte er. „Zudem wäre es schön, wenn wir im Winter noch international dabei sind. Weil es Spaß machen soll, unseren Fußball zu sehen, hoffe ich auch, dass wir das Stadion füllen können.“

Der VfL soll also Spaß machen – und zwar auch denen, die ihn mögen und nicht nur denen, die sich immer gern über ihn lustig machen, wenn finanzieller Aufwand und sportlicher Ertrag nicht zusammenpassen. Die vergangene Saison war schon ein Schritt in diese Richtung, jetzt soll der nächste folgen. Was vor der Saison schon einmal auffällt: Wer über den VfL Wolfsburg spricht, spricht wieder mehr über Fußball und weniger über Geld. Das ist ziemlich gut. Aber besser geht immer.

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