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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Chefcoach Stephan Lerch im Interview
00:00 16.08.2019

Der VfL steht vor einem Umbruch. Im Interview mit Jasmina Schweimler spricht Chefcoach Stephan Lerch über die Abgänge von Führungsspielerinnen wie Nilla Fischer und Caroline Hansen, erläutert die DNA seiner Mannschaft und gewährt einen Einblick, wie der Double-Gewinner potenzielle Neuverpflichtungen scoutet.

Mit den Abgängen von Nilla Fischer und Caroline Hansen brechen zwei wichtige Stützen aus ihrem Grundgerüst weg. Inwiefern wird sich das bemerkbar machen?

Wir haben zwei Ausnahmespielerinnen verloren. Caroline ist für mich eine der stärksten Offensivspielerinnen weltweit. Sie hat ein unglaubliches Eins-gegen-eins-Verhalten und kann Spiele entscheiden, viele Tore vorbereiten und strahlt selber Torgefahr aus. Sie hat sich die letzten Jahre, genau wie Nilla, sehr mit dem Verein identifiziert. Nilla hat die Kapitänsbinde getragen, war eine Leaderin und führte unsere Mannschaft auf ihre Weise sehr gut. Sie war sehr wichtig für den Spielaufbau und hatte immer eine sehr starke Zweikampfquote.

Ändert sich etwas im Training, weil Sie zwei wichtige Positionen neu besetzen müssen?

Ich muss als Trainer immer schauen, was zu der Mannschaft passt, und analysieren, welche Spielertypen zur Verfügung stehen. Aber ich würde nicht sagen, dass wir dieses Jahr bewusst alles anders machen müssen. Natürlich haben wir Abgänge zu verzeichnen, aber dementsprechend auch Neuzugänge, die uns neue Chancen bieten. Wir möchten unsere Philosophie weiter erhalten und unsere DNA weitertragen. Wir können das Gerüst neu konstruieren und dennoch weiter erfolgreich sein.
             


Wie definiert sich die DNA ihrer Mannschaft?

Das VfL-Motto „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“ verkörpert unsere Mannschaft sehr gut. Wir waren in den letzten Jahren immer sehr erfolgshungrig. Uns zeichnet aus, immer alles geben zu wollen – egal ob über 90 oder gar 120 Minuten. Die Zuschauer sollen immer das Gefühl haben, dass wir alles geben. Fußballerisch möchten wir für einen aktiven Ballbesitz-Fußball stehen, das Spiel gestalten und dominant auftreten. Wir wollen immer die aktive Rolle einnehmen und dem Gegner keine Ruhe lassen.

Der VfL hatte früh seine Kaderplanung für die anstehende Saison abgeschlossen und mit Svenja Huth, Felicitas Rauch, Friederike Abt, Fridolina Rolfö und Dominique Bloodworth hochkarätige Neuzugänge vorgestellt. Wie entwickeln sich solche Transfer-Ideen?

Wir setzen uns als Trainerteam mit Ralf Kellermann früh zusammen und schauen, wie die Kaderstruktur aussieht und auf welchen Positionen wir uns umschauen müssen. Man muss nämlich rechtzeitig anfangen. Ich finde es sensationell, dass wir relativ früh den Kader schon zusammen hatten. Das ist wichtig für den Verein und dessen Ausrichtung, aber auch für unsere Spielerinnen, die frühzeitig wissen, wie sich der Verein entwickelt. Wir teilen uns beispielsweise auf, reisen zum Zypern-Cup, zum Algarve-Cup oder sind bei der Weltmeisterschaft vertreten. Da macht man sich Notizen und schreibt sich die Spielerinnen raus, die einem auffallen. Wir haben für uns ein Scouting-System entwickelt und können natürlich dazu auch online das ein oder andere Spiel verfolgen. Wir begleiten so eine Spielerin dann über einen längeren Zeitraum.

Aber es wird eine gemeinsame Entscheidung getroffen.

Genau. Es schauen so viele Augen wie möglich drüber, zudem können wir auf unser Scouting-System zurückgreifen. Im Beispiel von Dominique war es so, dass Ariane Hingst und ich zwei Spiele beobachtet haben und auch Ralf Kellermann bei einem Spiel vor Ort war. Der Prozess geht dann über einen längeren Zeitraum. Es geht ja auch nicht nur ums Sportliche. Es werden dann auch Gespräche geführt, ob die Spielerin vom Charakter her zu uns passt.

Aufgrund der Schulter-OP von Almuth Schult kam mit Hedvig Lindahl kurzfristig eine weitere Torfrau. Da war auch Glück dabei, dass im Juli noch eine Spielerin auf diesem Niveau auf dem Markt war …

Ja, und wir sind mit dieser Lösung super zufrieden und glücklich. Für beide Seiten ist das eine schöne Situation und Chance. Das mit Almuth war im Vorfeld so nicht abzusehen. Ich möchte aber auch betonen, dass wir Friederike Abt weiter auf der Rechnung haben, auch wenn sie unter ganz anderen Bedingungen zu uns gekommen ist. Sie soll sich jetzt die Zeit nehmen, sich an das Niveau zu gewöhnen. Sie hat bewiesen, dass sie eine tolle und starke Torhüterin ist. In Hoffenheim hatte sie zuletzt aber wenig Spielpraxis. Sich jetzt beim neuen Verein, einem absoluten Top-Klub in Deutschland, zu beweisen, braucht Zeit. Und da Almuth nun länger als erwartet ausfällt, haben wir uns dazu entschieden, auf dieser Position noch einmal tätig zu werden.

Ingrid Engen stand bereits im Winter als Neuzugang fest. Als sehr junge Spielerin hat sie nun eine überraschend starke Weltmeisterschaft mit Norwegen gespielt. Wie geht man mit einem 21-jährigen aufstrebenden Talent um?

Es freut mich, wenn eine Spielerin mit viel Selbstvertrauen zu uns kommt. Aber eins ist auch klar: Sie ist noch eine sehr junge Spielerin und muss noch lernen – zum Beispiel kann sie noch handlungsschneller werden. So etwas kommt aber mit der Zeit und wir sehen es gerne, wenn die jungen Spielerinnen frech aufspielen und in die Mannschaft drängen.

Es ist kein Geheimnis, dass Dominique Bloodworth ihre absolute Wunschspielerin für die Innenverteidiger-Position war. Was hat Ihnen besonders imponiert?

Wir haben sie unter anderem bei Qualifikationsspielen für die Weltmeisterschaft gesehen, bei den Play-offs gegen Dänemark und danach noch in den Niederlanden gegen die Schweiz. Ralf Kellermann war anschließend auch noch beim Rückspiel in der Schweiz. Dazu haben wir Liga-Spiele gesehen, hatten letztlich also eine gute Einschätzung. Ich finde, dass sie sehr stark im technischen Bereich ist. Dazu ist sie beidfüßig, was heutzutage sehr selten ist. Sie hat dementsprechend eine gute Spieleröffnung und auf kurze sowie längere Distanz ein gutes Passspiel. Körperlich ist sie sehr robust. Das alles sind für mich herausragende Qualitäten.

Der VfL hat sie aus ihrem Vertrag in London rausgekauft. Glauben Sie, dass solche Transfers auch im Frauenfußball zur Regel werden?

Ja, das kann ich mir vorstellen, aber wir müssen abwarten, wie sich der Frauenfußball entwickelt und wie die Vereine finanziell aufgestellt sein werden. Vielleicht kommt da eine Dynamik rein. Die Tendenz ist ja ganz klar, dass Vereine mehr investieren und die Leistungsdichte enger wird. Also ist es möglich, dass öfter eine Ablösesumme fällig wird.

Dass Bloodworth Ablöse gekostet hat, dazu noch amtierende Europameisterin und frischgebackene Vize-Weltmeisterin ist, sichert ihr aber keinen Stammplatz …

Natürlich nicht. Wer zum VfL kommt, weiß, dass es so etwas nicht gibt. Wir haben so eine starke Mannschaft und einen ausgeglichenen Kader, da ist immer ein Konkurrenzkampf da. Die Spielerinnen, die hier sind oder herkommen, wissen dazu auch, dass man sich mal auf der Bank wiederfindet. Das heißt aber auch nicht immer, dass jemand anderes stärker ist. Wer auf drei Hochzeiten tanzt, muss eine gute Balance halten und auch die Kräfte optimal einsetzen.

Während immer mehr Spielerinnen die Frauenbundesliga Richtung England verlassen, hat sie den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Das spricht für die Liga und natürlich auch den VfL. Damit können wir erkennen, dass wir in den letzten Jahren viel richtig gemacht haben. Was die Entwicklung in der Mannschaft angeht – und natürlich auch die Bedingungen vor Ort. Die Qualität, die wir seit einigen Jahren haben, was Training und Belastungssteuerung angeht, weiß zu überzeugen. Das ist ein schönes Signal.

Wo wir schon über die Liga sprechen. Wie schätzen Sie das Niveau in der neuen Saison ein?

Ich denke, dass Bayern und wir nach wie vor die absoluten Favoriten auf die nationalen Titel sind. Danach muss man schauen, wie sich die Liga aufstellt. Potsdam hat beispielsweise zwei Leistungsträgerinnen an uns verloren, hat einen Umbruch vor sich. Sie haben aber immer wieder bewiesen, dass sie trotz Abgängen ein ernst zu nehmender Konkurrent sind. Man darf absolut niemanden unterschätzen. Freiburg und Essen haben zuletzt viel über junge Spielerinnen gemacht, können an einem guten Tag jeden ärgern. Auch Hoffenheim und Frankfurt traue ich das zu.

Mit der Champions League fehlte vergangene Saison das letzte Teil im Titel-Puzzle …

Wir wollen den großen Pott mal wieder nach Wolfsburg holen, daraus machen wir ja nie ein Geheimnis. Aber selbst wenn das nicht klappt, kann man eine tolle Saison spielen – so wie wir das in der vergangenen Spielzeit gezeigt haben. Da haben wir den vereinseigenen Liga-Punkterekord aufgestellt, sehr viele Tore erzielt und sind dominant durch die Saison gegangen. Die nationalen Erfolge bleiben enorm wertvoll, aber der Traum von der Königsklasse lebt weiter. Wir wissen aber auch, dass es immer schwieriger wird und die internationale Konkurrenz zunimmt, nicht ab. Das Niveau steigt stetig – dennoch wollen wir am liebsten den maximalen Erfolg.
   

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