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Home Sonderthemen Neues aus Wolfsburg und Umgebung Den Jüngeren eine sichere Jobperspektive bieten
01:05 02.12.2020
Seit Oktober lenkt Flavio Benites als Erster Bevollmächtigter und Geschäftsführer die Geschicke der IG-Metall- Geschäftsstelle Wolfsburg. Der gebürtige Brasilianer hat in São Paulo und in Rio Grande do Sul Arbeitsrecht studiert, spricht vier Sprachen und war bisher Internationaler Sekretär. Im Interview spricht er über die nächste Tarifrunde, seine Arbeitsschwerpunkte – und nennt seinen Lieblingsfußballverein. © Roland Hermstein
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Herr Benites, wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Position als neuer Erster Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IG-Metall-Geschäftsstelle Wolfsburg?

FLAVIO BENITES: Zunächst einmal freue ich mich, dass wir als starkes Team in der Geschäftsführung an einem Strang ziehen. Wie Sie wissen, sind ja Christian Matzedda und Matthias Disterheft als gleichberechtigte Geschäftsführer mit im Boot. Generell spüre ich in der Geschäftsstelle eine Aufbruchsstimmung. Unser gemeinsames Ziel lautet: Wir wollen die IG Metall Wolfsburg noch stärker machen.

Wie äußert sich diese Aufbruchsstimmung im Geschäftsstellen-Team?

FLAVIO BENITES: Eindeutig in der täglichen Bereitschaft aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gerade jetzt unter den erschwerten Corona-Bedingungen immer für unsere Mitglieder da zu sein. Ich bin wirklich beeindruckt von der Zusammenarbeit mit den Betriebsrätinnen, Betriebsräten und den Vertrauensleuten. Auch die Arbeit in den Gremien und Ausschüssen erlebe ich als sehr konstruktiv. Da wird mir klar, dass die IG Metall Wolfsburg am Puls der Zeit ist.

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Für wie lange wurden Sie gewählt?

FLAVIO BENITES: Für vier Jahre – so ist es in der Satzung der IG Metall festgelegt. Das gilt für die Geschäftsführung und für unseren Ortsvorstand.

Was werden die Schwerpunkte Ihrer Amtszeit sein?

FLAVIO BENITES: Grundsätzlich ist es uns wichtig, dass wir für jedes Mitglied schnell erreichbar sind. Gerade jetzt in der Corona-Krise brauchen uns die Kolleginnen und Kollegen mehr denn je. Sie müssen wissen, dass sie jederzeit persönlich oder digital Kontakt zu uns aufnehmen können. Wir haben für alle ein offenes Ohr.

Inhaltlich liegt mir besonders die nachhaltige Transformation der Automobilindustrie am Herzen. Für die IG Metall Wolfsburg ist es extrem wichtig, dass auch zukünftige Generationen hier in Wolfsburg eine sichere Jobperspektive haben. Unser Versprechen ist, dass keiner auf der Strecke bleiben wird! Wir werden weiterhin aktiv beim „RegionalVerbund für Ausbildung“, kurz RVA, und dem Förderverein „ready4work“ mitarbeiten. Außerdem stehen wir vor der nächsten Tarifrunde. Die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben haben klare Erwartungen. Ich bin mir sicher, dass wir dieses Mal einen heißen Winter in den Betrieben erleben werden – und das nicht nur wegen des Klimawandels!

Denken Sie, dass die Autoindustrie in Sachen Nachhaltigkeit auf einem guten Weg ist?

FLAVIO BENITES: Grundsätzlich muss man die unterschiedlichen Autokonzerne sehr differenziert betrachten. Wenn wir aber beispielsweise über VW reden, dann lautet meine Antwort: ein klares Ja! Durch die eingeleiteten Maßnahmen in Richtung Elektromobilität und Reduzierung der CO2- Emissionen setzt Volkswagen in puncto Nachhaltigkeit echte Maßstäbe. Andere Unternehmen verfolgen diese Ziele nicht so stark. Dieser Unterschied kann für die Zukunft entscheidend werden! Die Ansiedelung von Zukunftstechnologien ist richtungsweisend für die Absicherung der Arbeitsplätze in der Region. Das darf man nicht aus den Augen verlieren.

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Wie können Sie der Automobilindustrie und den verwandten Bereichen ganz praktisch helfen, den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zu decken?

FLAVIO BENITES: Wir haben unsere Tarifpolitik bereits zielgerichtet auf bessere Arbeitsbedingungen für Fachexperten abgestimmt. Damit können Technologieunternehmen in unserer Region attraktive Arbeitsplätze anbieten. Aber auch und insbesondere die Infrastruktur ist ein entscheidender Faktor für den Standort. Daneben sorgen wir dafür, dass in unserer Region optimale Rahmenbedingungen für die Ansiedelung von Unternehmen entstehen. So können beispielsweise gerade im IT-Bereich Arbeitsplätze geschaffen werden. Gemeinsam mit unseren Partnern aus der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik sowie aus der Wirtschaft erarbeiten wir zurzeit konkrete Zukunftspläne.

Sie haben sich in der Vergangenheit mit der Digitalisierung der Arbeit beschäftigt. Welche Folgen hat die Digitalisierung für Arbeitnehmer und wie kann die IG Metall hier regulierend tätig werden?

FLAVIO BENITES: Generell ist es der Lauf der Dinge, dass Unternehmen neue Bedarfsfelder entdecken und sich daraus wiederum neue Berufsprofile für Arbeitnehmer ergeben. Wir als IG Metall Wolfsburg müssen diese Veränderungen erkennen und im gleichen Maße von Arbeitgebern und auch vom Staat fordern, dass die daraus resultierenden Qualifikationsprofile gewährleistet werden. Hier spielt der Grundgedanke des lebenslangen Lernens und der Weiterbildung in den Betrieben eine zentrale Rolle. Die IG Metall muss die Qualifizierung ihrer Mitglieder mittels einer optimal abgestimmten Tarifpolitik sicherstellen. Und wir müssen an der Erreichbarkeit der IG Metall Wolfsburg für unsere Mitglieder arbeiten: Unsere digitalen Angebote müssen schneller und breiter werden.

Wie nehmen Sie die Auswirkungen von Corona in den Betrieben wahr?

FLAVIO BENITES: Zu Beginn der Corona-Pandemie haben wir uns als IG Metall Wolfsburg vor allem um bessere Kurzarbeitsbedingungen gekümmert. Gemeinsam mit Betriebsräten, Vertrauensleuten und den IG-Metall-Geschäftsstellen in Hannover, Salzgitter und Braunschweig haben wir in dieser Situation die bestmöglichen Regelungen erreicht. Nun geht es darum, die Normalität so zu gestalten, dass niemand auf der Strecke bleibt. Der Gesundheitsschutz unserer Mitglieder in den Betrieben hat – zusammen mit dem Erhalt der Arbeitsplätze – bei uns oberste Priorität. Dafür kämpfen wir Seite an Seite.

Welche Ziele haben Sie für die Arbeitszeitpolitik?

FLAVIO BENITES: Die Möglichkeit der Umwandlung von zusätzlicher Vergütung in Freizeit zu schaffen und auszuweiten – das ist unser wichtigstes Ziel in diesem Bereich. Allein im Wolfsburger VW-Stammwerk hat fast ein Drittel der Belegschaft Interesse an der teilweisen Entgelt-Umwandlung. Wir wollen, dass künftig sämtliche Tarifbeschäftigte davon Gebrauch machen können – auch in der Metall- und Elektroindustrie. Bislang gilt dies nur für Gruppen mit „besonderer Belastung“ wie Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder oder Mitarbeiter, die Angehörige pflegen. Das ist schon gut, aber es genügt uns nicht.

Sie gelten als Experte für internationale Zusammenarbeit und haben sich intensiv mit dem TTIP Freihandelsabkommen beschäftigt. Vor dem Hintergrund, dass der nächste US-Präsident wieder ein Demokrat sein wird: Denken Sie, dass TTIP wieder auf die Tagesordnung kommt?

FLAVIO BENITES: Auf jeden Fall erwarte ich vom neuen US-Präsidenten ein deutliches Bekenntnis zum Multilateralismus, so wie er vor der Amtszeit von Donald Trump in den USA als demokratischer Wert verfolgt wurde. Das neue Handelsabkommen RCEP in Südostasien setzt Europa und Amerika unter Druck. Ob TTIP neu aufgelegt wird, müssen wir abwarten.

Aktuell sehe ich aber in der internationalen Handelspolitik auch andere Themen auf der politischen Agenda – beispielsweise die Beziehungen zwischen den USA und China sowie die Rolle Europas in dieser Dreieckskonstellation. Statt sich gegenseitig zu bekämpfen, sollten sich die Großmächte – USA, China und Europa – vor allem über Kooperationen und Nachhaltigkeit einig sein.

Vor der IG-Metall-Geschäftsstelle wehen gut sichtbar Regenbogen-Flaggen. Wie bunt ist in Ihren Augen unsere Stadt wirklich?

FLAVIO BENITES: Wolfsburg ist eine weltoffene, tolerante und demokratische Stadt. Und mit dem „Schulterschluss der Wolfsburger Demokraten“ setzen wir als IG Metall ein ganz klares Zeichen gegen Rechtsextremismus und Hass. Schließlich ist es unsere Pflicht, diese unglaubliche Vielfalt zu erhalten – daran werden wir weiterhin arbeiten.

Herr Benites, was hat Sie bewogen, von Brasilien nach Deutschland zu ziehen?

FLAVIO BENITES: Tatsächlich bin ich 1998 von Spanien nach Deutschland gezogen. Ich bin einer Anfrage der Friedrich- Ebert-Stiftung gefolgt, um das System der Arbeitsbeziehungen zwischen Brasilien und Deutschland im Rahmen eines Forschungsprojektes zu vergleichen. Darüber hinaus war es für mich – damals mit 36 Jahren – total spannend, die deutsche Sprache zu lernen. Eine Herzensangelegenheit, die mich bis heute begleitet. Am Anfang war es wirklich schwierig, aber mittlerweile fühle ich mich in Deutschland zu Hause.

Gibt es Dinge, die Sie hier in Deutschland oder in Wolfsburg vermissen?

FLAVIO BENITES: Eine Sache fehlt mir besonders: meinem Lieblingsfußballverein „Grêmio Porto Alegre“ live im Stadion zuzuschauen.

Können die Menschen in Wolfsburg etwas von den Brasilianern lernen?

FLAVIO BENITES: (schmunzelt) Ja – die brasilianische Gelassenheit!

Wie feiern Sie dieses Jahr Weihnachten?

FLAVIO BENITES: Zu Hause mit meiner Familie und – wenn es die Corona-Bestimmungen zulassen – mit unseren Nachbarn im Garten. (bea)

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