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Home Sonderthemen Feste/Veranstaltungen Der verlorene Gänsebraten
12:50 23.11.2018

Hart waren sie, die Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Wohnraum war knapp, Brennstoffe ebenso und kalorienreiche Ernährung war damals noch ein Fremdwort. Ich war knapp zehn Jahre alt und mir knurrte ständig der Magen. Deshalb war ich oft mit Freunden oder auch allein unterwegs, um irgendwo etwas „abzustauben“ oder zu „klemmen“, das ich auf dem Schwarzmarkt zu Essbarem umwandeln konnte.

Schließlich trug ich ja große Verantwortung: Mein Vater war noch nicht aus der Gefangenschaft zurück, meine kleinen Schwestern waren noch zu klein und Mutter trug die Last, die Familie am Leben zu halten, ansonsten ganz allein. Da musste ich ihr als kommissarischer „Haushaltsvorstand“ helfen, wo ich konnte. Und eines hatte ich mir für dieses Weihnachten fest vorgenommen: Ich wollte eine Gans „organisieren“, damit meine Schwestern, Mutter und ich am ersten Feiertag endlich mal wieder richtig satt werden konnten.



Gesagt, getan: In der Nacht vor dem ersten Advent schlich ich mich aus dem Haus, mopste zunächst ein Fahrrad, das ich mir nächtens schon öfter „ausgeliehen“ und stets zurückgestellt hatte, und fuhr die Landstraße hinunter in ein Dorf, wo man mich nicht kannte. Mein bester Freund aber hatte mir von einem Bauern dort erzählt, der etwas leichtsinning war und seinen Gänsestall nicht abgeschlossen hatte.

Zwar gab es ziemlich lautes Geschnatter, als ich mir die erstbeste Gans griff, aber niemand bemerkte etwas und ich „raste“ nach Hause. Die Gans hatte dann ihr Plätzchen bei uns unter dem Spülbecken in der Küche und lebte von den Resten, die beim Essen und Kochen übrig blieben. Es waren aufregende Tage, doch leider bauten wir Kinder und Mutter eine allzu enge Beziehung zur Gans auf. Doch Weihnachten rückte immer näher und unser liebgewonnenes Haustier sollte doch in der Küche von meiner Mutter geschlachtet werden.

Letztlich brachte sie es nicht übers Herz, und so schickte sie mich zwei Tage vor Heiligabend auf den Schwarzmarkt, wo ich sage und schreibe 900 Mark für den Vogel einhandelte. So gab es am ersten Feiertag keinen Gänsebraten, sondern billige „Saure Bohnenspätzle“. Aber das war für uns in dieser armen Zeit wie ein Königsmahl – und fast so lecker wie der Gänsebraten.

© Nico Herzog
© Nico Herzog

Wann wird es, wann wird es
doch Frühling einmal?
Wann rauschet das Bächlein
doch wieder in’s Thal?
Wann können wir Gänse
spazieren im Frei’n,
Im Wasser uns baden
beim Sonnenschein?

Erst gestern ist uns
eine Wake gemacht,
Doch fror sie uns leider
schon zu über Nacht.
Nun sitzen wir traurig
am Ufer und schau’n
Gen Himmel und fragen:
wann wird es doch thau’n?

Wenn’s lange noch bleibet
so eisig und kalt,
Verlernen wir Gänse
das Schwimmen auch bald.
Stellt drum sich der Frühling
nicht ehestens ein,
So lohnt es sich kaum,
ein Gans noch zu sein.

Hoffmann von Fallersleben

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