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Home Sonderthemen Sonstiges Die klassische Lebensversicherung hat bei der Altersvorsorge nahezu ausgedient
08:11 16.11.2018
Sparen für die Rente: Bei der Altersvorsorge und für die Geldanlage spielt die klassische Lebensversicherung kaum noch eine Rolle. FOTO: ARCHIV

Von Jörg Rohlfs

WOLFSBURG. Lebensversicherungen sind out? Oder gibt es sie gar nicht mehr? Warum heißt die Lebensversicherung jetzt Rentenversicherung? Und wie soll man sich denn nun fürs Alter absichern?

„Für die Altersvorsorge und für die Geldanlage wählten unsere Kunden früher überwiegend eine Lebensversicherung. Diese wurde zum Beispiel monatlich bespart, am Ende erhielten unsere Kunden eine einmalige Kapitalauszahlung und je nach Tarif war ein Rentenwahlrecht vereinbart“, berichtet Henning Bävenroth, Leiter der VGH-Vertretung in Isenbüttel. Die Auszahlung war für alle (Kapital-)Lebensversicherungen mit Beginn vor dem 31.12.2004 steuerfrei.

„Im Prinzip bietet die gesamte Versicherungsbranche seitdem nur noch Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht an“, so Bävenroth. Das Guthaben des Vertrages kann in eine lebenslange Rente umgewandelt werden. Hätte man eine Kapitallebensversicherung neuen Rechts und würde eine lebenslange Rente wünschen, müsste zuerst die Kapitalleistung versteuert und dann die Rente gebildet werden.

Beim Thema Altersvorsorge sollte sich jeder die Frage stellen, ob seine gesetzliche Altersrente ausreicht, um so weiter zu leben wie bisher, rät Bävenroth. Um festzustellen, wie hoch die Altersrente ist, helfe die jährliche Mitteilung der Rentenversicherung. Beachten müsse man aber, dass diese nur die Brutto-Rente ausweise: „Ähnlich wie beim Gehalt ist die tatsächlich ausgezahlte Rente niedriger, weil Krankenversicherungsbeitrag und Steuer abgezogen werden müssen.“

Wichtig zu wissen sei auch, dass es sich bei der gesetzlichen Rentenversicherung um ein sogenanntes „umlagefinanziertes System“ handelt. Das bedeutet, dass heutige Arbeitnehmer direkt die Renten der aktuellen Rentner bezahlen. Deshalb belasteten steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten das System heute und zukünftig noch stärker. „Ob dann die Renten noch an die Inflation angepasst werden, ist fraglich“, meint der Versicherungs-Experte.

Gegensteuern könne man mit einer privaten Vorsorge – mit Immobilieneigentum, Rentenversicherungen oder anderen Anlagen. Wichtigster Tipp: „Besser heute als morgen anfangen, denn Zeit schlägt jede Verzinsung.“ Außerdem lohne sich ein prüfender Blick auf staatlich geförderte Anlageprodukte wie Riester- oder Betriebsrenten.

Aufgrund der oft langen Laufzeiten von Lebensversicherungen sollten Anleger sich auch überlegen, auf dem Kapitalmarkt abzusichern. „Produkte mit garantierter Verzinsung erwirtschaften derzeit kaum Rendite. Bei entsprechend umsichtiger Auswahl lässt sich mit Kapitalmarktanlagen ein höherer Gewinn erwirtschaften, der nicht zwingend durch ein unkalkulierbares Risiko erkauft wird“, so Henning Bävenroth.

Und was bekommt ein Rentner nun effektiv raus? Bävenroth nennt zwei Beispiele anhand eines heute 40-jähriger Arbeitnehmers mit maximal 46 Versicherungsjahren und einem Rentenbeginn zum 67. Lebensjahr – nach Abzug von Krankenversicherung und Steuer: Bei einem heutigen Monatsgehalt von brutto: 3000 Euro (verheiratet netto 2200 Euro) liegt die voraussichtliche Altersrente bei netto rund 980 Euro – bei einem heutigen Monatsgehalt von brutto 1250 Euro (verheiratet netto 990 Euro) wären es im Alter voraussichtlich netto 430 Euro.

Immer Sinn machten Risiko-Lebensversicherungen: „Weil durch sie Kredite und Familie abgesichert werden“, so Bävenroth.


Rentenbescheid: Es gibt vielfältige Formen der Altersvorsorge zusätzlich zur gesetzlichen Rente. FOTO: DPA
Rentenbescheid: Es gibt vielfältige Formen der Altersvorsorge zusätzlich zur gesetzlichen Rente. FOTO: DPA

Seit Jahren wird die kapitalbildende Lebensversicherung nicht nur von den Verbraucherschützern, sondern von der Versicherungswirtschaft selbst als „Auslaufmodell“ betrachtet. „Kunden haben erlebt, dass die Renditen bisweilen Richtung Null tendierten“, sagt Andreas Gernt, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

Viele Versicherer hätten das Neugeschäft zu klassischen Lebens- und Rentenversicherungen mit einem garantierten Rechnungszins eingestellt und unterbreiteten nur noch fondsgebundene Vertragsvarianten ohne Garantiezins. „Gesellschaften sind bereits dazu übergegangen, Altbestände mit noch höherer Garantieverzinsung zu übertragen oder zu verkaufen, wodurch das Vertrauen in die Lebensversicherung weiter geschädigt wurde“, so Gernt.

Damit das Sparen für das Alter gelingt, empfehlen Verbraucherschützer, sich vor Vertragsabschluss eingehend über alle Formen einer zusätzlichen privaten oder betrieblichen Altersversorgung zu informieren – und sich möglichst unabhängig beraten zu lassen. Bevor man sich aber überhaupt mit den oftmals ungeliebten Themen Altersvorsorge, Versorgungslücken im Rentenalter oder Altersarmut beschäftigt, sollte sich jeder darüber im Klarem sein, dass allein die gesetzliche Rente in der Regel nicht ausreichen wird, den gewohnten Lebensstandard im Alter zu sichern.

Risikovorsorge mit Versicherungen

Bevor Entscheidungen getroffen werden, sei es wichtig, den eigenen Versicherungsbedarf zu klären. Wer beispielsweise zur Todesfallabsicherung der Familie eine Risiko-Lebensversicherung oder Berufsunfähigkeitsversicherung benötigt, muss diesen Versicherungsschutz auch langfristig bezahlen können: „Nicht jeder hat ein so hohes Einkommen und frei verfügbares Einkommen, dass man sich das ein oder andere überhaupt leisten kann.“


"Kredite sind teuer, deshalb lohnt es sich – fast – immer, zunächst vorhandene Schulden zu tilgen. "

Andreas Gernt Finanzexperte der Verbraucherzentrale Niedersachsen


Erst Schulden tilgen

„Kredite sind teuer, deshalb lohnt es sich – fast – immer, zunächst vorhandene Schulden zu tilgen“, so der Experte. Die Kreditzinsen sind meist höher als die Rendite, die man für den gleichen Betrag mit einer Geldanlage erzielen kann. Sind die Schulden abgebaut, sollte man einen Notgroschen auf einem Tagesgeldkonto ansparen. Faustformel: etwa drei Netto-Monatsgehälter.

Je nach unterschiedlicher Familiensituation und individueller Lebensplanung bieten sich verschiedene Produkte zum Sparen und dem Vermögensaufbau an. „Kommt ein Immobilienerwerb schon bald in Frage, sollte mindestens 20 Prozent Eigenkapital verfügbar sein“, sagt Gernt. Tages- und Festgeldkonten böten sich dafür an. Wegen des höheren Risikos kommen rentablere Anlagen wie Indexfonds nur dann in Frage, wenn bis zur geplanten Finanzierung noch einige Jahre Zeit ist. „Immobilen können ein wichtiger Baustein zur Altersvorsorge sein, sofern der Kredit im Rentenalter auch abgezahlt ist“, gibt Gernt zu bedenken.

Riester-Rente: „Staatliche Zulagen und Steuervorteile sind im Einzelfall für kinderreiche Familien, Geringverdiener und gut verdienende Singles attraktiv.“ Allerdings müssten die Auszahlungen im Rentenalter in voller Höhe versteuert werden. „Und gute Produkte sind Mangelware.“ Bei vielen Riester-Verträgen seien die Abschluss- und Verwaltungskosten so hoch, dass sich eine Rendite erst nach vielen Jahren einstellt.

Betriebsrente: Auch die Produkte zur betrieblichen Altersversorgung lohnten sich nur, wenn sich der Arbeitgeber mit mindestens 30 Prozent am Bruttobeitrag beteiligt.

Vermögenswirksame Leistungen: Leichter ist die Entscheidung, wenn der Arbeitgeber einen Zuschuss zu vermögenswirksamen Leistungen anbietet. Vollzeitbeschäftige erhalten pro Monat bis zu 40 Euro und vom Staat gibt es gegebenenfalls noch eine Arbeitnehmersparzulage.

ETF-Sparpläne: Für Einsteiger und Profis sind ETF (Exchange Traded Fund) – gemeint sind börsengehandelte Indexfonds – meist eine gute Wahl. „Bildet ein ETF einen Aktienindex nach, in dem viele Aktien aus vielen Ländern und unterschiedlichen Branchen enthalten sind, reduziert sich das Risiko großer Verluste deutlich“, begründet Gernt. Angeboten würden ETF-Sparpläne mit monatlichen Sparraten ab 50 Euro meist von Direktbanken. Filialbanken böten Sparpläne mit Indexfonds eher nicht an, weil bei ETFs keine Provisionen fließen.

Und: „Wer mit diesen Sparplänen Vermögen aufbauen will, sollte auch das Auf und Ab der Aktienmärkte aushalten können“, mahnt der Finanzexperte von der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Der Wert von ETFs könne sich bei einer Krise am Aktienmarkt durchaus halbieren. „Bislang folgte aber auf jeden Crash bald schon eine Erholungsphase.“ jr

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