Menü
Anmelden
Wetter wolkig
20°/7°wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus WolfsburgWolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg

Home Sonderthemen Neues aus Gifhorn und Umgebung Erstaunliche Einblicke in die Geschichte der Samtgemeinde
Jetzt kostenlos TestenZur Anmeldung
00:00 25.10.2019
Die fünf ältesten Mädchen der „Foxies“ bildeten mit Helmut Hartjenstein eine Band, die als Silver Stars Tanzmusik machte (v. l.: Renate Falke, Ulrike Knackstedt, Gitta Eichstädt, Gundel Busse und Jutta Kastner). Historisches Archiv Meinersen

Was ist eigentlich ein Historisches Archiv? Wozu braucht die Samtgemeinde eines und was machen die Mitarbeiter genau? „Zunächst einmal ist ein Archiv kein Museum“, erläutert der Leiter Normann Schruwe. „Bei uns stehen nur vereinzelt Exponate aus vergangener Zeit, die man sich anschauen kann. Ansonsten verwalten wir Dokumente und andere Archivalien. Dazu gehören Briefe, Fotos, Dias, Bücher und sogar Rechnungen bis hin zum aktuellen Flyer des Friseurs oder einer Veranstaltung im Künstlerhaus.“

Wie? Das Historische Archiv sammelt auch aktuelle Druckstücke? Warum das?

„Auch Dokumente aus heutiger Zeit sind für uns wichtig. Schließlich könnten sich die Menschen in 100 Jahren dafür interessieren“, erklärt Normann Schruwe. Ein Datengrab will er jedoch mitnichten sein: „Wir überlegen uns genau, was aufzubewahren sinnvoll ist. Einiges kann späteren Generationen wichtige Einblicke in das frühere Leben in unserer Samtgemeinde verschaffen, anderes nicht.



Außerdem sind unsere Möglichkeiten zur Aufbewahrung und Katalogisierung begrenzt“, erläutert er. Zusammenfassend stellt er seine und die Aufgabe seiner sieben ehrenamtlichen Mitstreiter so dar: „Wir versuchen, alle interessanten Dinge der Samtgemeinde Meinersen aus der Vergangenheit und der Gegenwart für die Zukunft zu bewahren.“ Dabei liegt die Betonung auf „Samtgemeinde“: „Selbstverständlich sind wir zuständig für alle Ortsteile, also auch für Ahnsen, Böckelse, Hardesse, Hünenberg, Hillerse und so weiter.“
  

Eines der wenigen Exponate im Archiv: Mit diesem Fahrrad fuhr Carl Mayer Ende des 19. Jahrhunderts von Berlin nach Paris.
Eines der wenigen Exponate im Archiv: Mit diesem Fahrrad fuhr Carl Mayer Ende des 19. Jahrhunderts von Berlin nach Paris.

Zwar muss jede Samtgemeinde nach dem niedersächsischen Archivgesetz ein Archiv unterhalten, doch Form und Umfang seien nicht definiert, führt Normann Schruwe aus. „Dass wir hier ein Archiv in dieser Form haben, ist nur möglich, weil der Samtgemeindebürgermeister und der Samtgemeinderat die Notwendigkeit erkannt haben und uns unterstützen. Inhaltlich leben wir natürlich von der Akzeptanz der Bürger, die uns mit Fotos, Büchern und natürlich ihren Erinnerungen unterstützen.“

Reinste Detektivarbeit

Das, was die Archivmitarbeiter der Samtgemeinde tun, ist nicht nur eine immense Fleißaufgabe, sondern auch oft hochkomplex und für viele Menschen äußerst wichtig. „Wir haben ein Programm, in das wir alle Archivalien – von einzelnen Fotos bis hin zu vollständigen Büchern – eingeben und bestimmten Kategorien zuordnen. So können wir später gezielt nach Namen und Schlagworten suchen und auch Verknüpfungen zwischen den Dokumenten herstellen“, erklärt Normann Schruwe. 2670 Datensätze hätten sie auf diesem Wege schon gesammelt und seien noch längst nicht am Ende angelangt. „Wir erhalten immer wieder Anfragen von Nachlassverwaltern und konnten schon bei der Klärung von Eigentumsverhältnissen oder bei privaten Suchanfragen nach Verwandten helfen“, sagt der Leiter.

Komplex und manchmal schwierig wird die Aufgabe der Mitarbeiter des Archivs nicht nur dann, wenn Menschen zu ihnen kommen, die etwas suchen, sondern auch dann, wenn sie etwas gefunden haben, das alt ist und das sie nicht einordnen können. In solchen Fällen recherchieren Normann Schruwe und seine Mitstreiter, sie fragen bei den Senioren der Gemeinde nach, die vielleicht noch etwas wissen könnten, oder bemühen Experten und Institute aus ganz Deutschland, um herauszufinden, was für ein Stück sie vor sich haben. So entpuppte sich zum Beispiel ein rechteckiger Block aus Bronze mit einer sehr spärlichen Gravur als ein Eichmaß für Goldmünzen aus dem Jahr 1717 und einige einzelne gedrechselte und schwarz lackierte Holzstücke als Aufsätze eines früheren Totenwagens aus der Samtgemeinde.

Seine aufwendigen Recherchen sind oft zeit- und kräfteraubend, „aber ich habe Lust dazu“, sagt Normann Schruwe.
Seine aufwendigen Recherchen sind oft zeit- und kräfteraubend, „aber ich habe Lust dazu“, sagt Normann Schruwe.

Unterstützung ist willkommen

Seine Arbeit mache ihm Spaß, betont Normann Schruwe immer wieder, und dass genug davon da sei, dass es auch für andere reicht: „Wir können weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gut gebrauchen, die uns bei der Archivierung, Recherche, Restauration, Digitalisierung oder als Kontaktperson in einem Ortsteil der Samtgemeinde Meinersen unterstützen.“

Normann Schruwe geht manchmal ungewöhnliche Wege, um die Geschichte der Samtgemeinde nachvollziehen zu können. Als ergiebige Quelle erweisen sich die sogenannten Zeitzeugentreffen, die er mit Karin Blickwede und Frank Jäger in Hillerse ins Leben gerufen hat.
  

Hillerser Senioren helfen Normann Schruwe beim Zeitzeugentreffen, Personen, Häuser, Orte und Geschichten auf alten Fotos zu identifizieren.
Hillerser Senioren helfen Normann Schruwe beim Zeitzeugentreffen, Personen, Häuser, Orte und Geschichten auf alten Fotos zu identifizieren.

Bei einem dieser Treffen sitzen nachmittags um 15 Uhr zwölf ältere Herren und Damen gemütlich bei Kaffee und Stachelbeertorte im Haus der Vereine zusammen, um Normann Schruwe bei seinen Recherchen zu unterstützen. Der Leiter des Historischen Archivs wirft per Beamer eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie an die Wand, die eine Gruppe junger Menschen zeigt, die sich in einem Wald zu einem Gruppenfoto zusammengefunden haben. „Ich weiß nicht einmal, ob das wirklich ein Foto aus Hillerse ist“, beginnt er, da ertönt schon der erste Einwurf: „Der Lehrer ist schon mal von hier!“ Sogleich kann der nächste aus der Runde ein weiteres Detail beisteuern, und innerhalb kürzester Zeit weiß Normann Schruwe, dass das Foto Ende der Fünfzigerjahre aufgenommen worden sein muss und den Naturkundelehrer Everding und seine Schüler zeigt.

Es geht weiter mit der Aufnahme eines alten Bauernhauses, das es heute längst nicht mehr gibt. „Darin haben meine Eltern gewohnt“, erzählt eine Teilnehmerin und weiß sogar, dass es aus dem 16. Jahrhundert stammt.

Anschließend zeigt Normann Schruwe eine alte Postkarte mit der Aufschrift „Die Foxies aus Hillerse“. Richtig professionell schaut die vielköpfige Band in ihrer weißen Kleidung mit den blitzblanken Instrumenten aus. Der Leiter des Archivs wundert sich: „Woher hatten so viele junge Leute in einem kleinen Dorf wie Hillerse solche Instrumente?“ – „Die Trompete meines Bruders hat mein Vater gekauft“, erklärt ein älterer Herr, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Dann werden auf einmal die Erinnerungen an die legendäre Schülerband, die Anfang der Sechzigerjahre sogar im Fernsehen aufgetreten ist, geweckt, sodass Normann Schruwe von allen Seiten mit Details und Anekdoten überhäuft wird.

Die Zeitzeugentreffen sind eine tolle Veranstaltung, bei der alle Beteiligten ihren Spaß haben und ganz nebenbei die einzigartige Geschichte eines Dorfes bewahren. (gw)

Nach Horst Berner, der das Archiv im Jahr 2009 gegründet hatte, übernahm Normann Schruwe im März dieses Jahres die Leitung des Archivs. Zusammen mit den sieben ehrenamtlichen Helfern Horst und Waltraud Berner, Gottfried Adden, Klaus-Jürgen Gramberger, Dr. Eckhard Mühlbauer, Karin Paul und Ralf Glüsing leisteten die Mitarbeiter im vergangenen Jahr 2081 Arbeitsstunden.

Öffnungszeiten: Montags von 10.00 bis 12.00 und 15.00 bis 17.00 Uhr
Dalldorfer Straße 9, 38536 Meinersen

1
/
10
Anzeige
Datenschutz