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Wolfsburg
07:19 26.05.2021
Martin Ohlendorf, Geschäftsführer der Wista, weiß, dass man mit dem Kauf von Fairtrade-Produkten bei den Produzenten vor Ort tatsächlich etwas bewirken kann. Foto: Gesa Walkhoff

Im Dezember letzten Jahres fällte der Rat der Stadt Gifhorn den Beschluss, sich als Fairtrade-Town zertifizieren zu lassen. Damit steht Gifhorn nicht alleine da: Bereits 730 weitere Städte in Deutschland tragen diesen Titel oder bemühen sich derzeit um das Siegel.

Wirtschaftsregion Gifhorn

Doch die Gifhorner Initiatoren hinter dem Beschluss wollen mehr erreichen als nur den Erwerb des Fairtrade-Town-Zertifikats: Sie wollen den Fairtrade-Gedanken ins Bewusstsein der Gifhorner Bürger holen und die Initiative weit über die fünf für die Vergabe des Siegels erforder lichen Kriterien zu einem ständigen Auftrag der Stadt machen. Martin Ohlendorf, Geschäftsführer der Wista, ist beeindruckt, wie viele Gifhorner Unternehmen schon faire Produkte verwenden und anbieten und wie positiv auch die Resonanz der Kunden zu dieser Initiative ist. „Das Bedürfnis ist vorhanden, fair zu leben. Jeder Mensch trägt diesen Kompass in sich.“

Stadtwerke Gifhorn

Martin Ohlendorf ist Mitglied eines Steuerkreises, der diese Rahmenbedingungen schaffen und ein Umdenken ermöglichen will. Darin vertreten sind außerdem Fridays for Future, Parents for Future, die Stadt Gifhorn und die Stadtwerke, Volkshochschule und BBSII, Bündnis 90/die Grünen und der CDU-Stadtverband, Volksbank und Sparkasse, Wista, St. Altfrid, das Stadtmagazin Kurt, Mensa-Betreiber Stefan Gerhardt, Der HOF aus Isenbüttel, der Weltladen und die Goldschmiedin Beate Fritz. Zu den Aufgaben der Unternehmen gehört, auf Cafés, Gaststätten, Geschäfte und Schulen zuzugehen, um sie dafür zu gewinnen, zukünftig auch fair gehandelte Produkte anzubieten, von Kaffee bis zu Schnittblumen, Kosmetikartikeln, Kleidung, Bettwäsche und Spielzeug. „Bei vielen Händlern rennen wir offene Türen ein“, berichtet Rüdiger Wockenfuß, Leiter des Steuerkreises. „Die Zeit scheint dafür jetzt einfach reif zu sein.“ So sieht es auch Bastian Till Nowak: „Früher lebte jeder in seinem kleinen Kosmos und fragte sich: Was kann ich schon ändern? Das gemeinsame Handeln im Steuerkreis setzt unheimlich viel Energie frei. Wir sehen uns als Teil eines großen Ganzen. Dadurch entsteht eine Dynamik, mit der sich bestimmt noch mehr erreichen lässt als nur die Zertifizierung.“

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Rüdiger Wockenfuß setzt sich bereits seit 20 Jahren dafür ein, das Thema Fairtrade nach Gifhorn zu holen. Foto: Gesa Walkhoff
Rüdiger Wockenfuß setzt sich bereits seit 20 Jahren dafür ein, das Thema Fairtrade nach Gifhorn zu holen. Foto: Gesa Walkhoff

Warum Fairtrade?

Warum fairer Handel entscheidend dazu beiträgt, etwas gegen die Not zu tun, die vorwiegend im globalen Süden herrscht, erläutert Rüdiger Wockenfuß. Er setzt sich bereits seit 20 Jahren dafür ein, das Thema Fairtrade nach Gifhorn zu holen: „Viele der betroffenen Länder verfügen zwar über große Rohstoffvorkommen, die der globale Norden braucht und von dort kauft, um sie weiterzuverarbeiten. Doch auf diese Weise bleibt dem Süden nur ein geringer Anteil an der Wertschöpfung.“ Eine andere Ursache sei der Protektionismus, auch der der Europäischen Union. „Wenn der Besitzer einer Plantage in Ghana wegen Handelsbeschränkungen der EU keine Tomaten mehr verkaufen kann, verarmt er und flüchtet über das Mittelmeer nach Italien, wo er dann unter ausbeuterischen Bedingungen auf einer Tomatenplantage arbeitet. „Wir ziehen die Wertschöpfung aus den ärmeren Ländern ab, oft auch die Fachkräfte, und verkaufen unsere Produkte, die aus deren Rohstoffen hergestellt werden, zurück an den Süden. Das ist ebenfalls eine Ursache für die wirtschaftliche Schieflage, in der wir leben.“ Das Problem sei, dass es kein ausgeglichenes Kräfteverhältnis zwischen Produzenten und Händlern gebe. „Deshalb müssen wir ein Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen, was fair einkaufen bewirken kann“, so Rüdiger Wockenfuß. Dieses Thema entfaltet nicht nur Relevanz in den Handelsbeziehungen zwischen nördlicher und südlicher Halbkugel. „Die Frage des fairen Umgangs miteinander stellt sich auch hier bei uns. Besonders im Bereich der Pflege wird das zurzeit deutlich", ergänzt Martin Ohlendorf.

Vorteile für die Region

Als Geschäftsführer der Gifhorner Wirtschaftsförderung bewertet Martin Ohlendorf die Chancen, die sich aus der Fairtrade-Town-Initiative ergeben, auch nach Marketing-Gesichtspunkten. „Mit der Zertifizierung können wir uns ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen“, gibt er zu bedenken. Besonders dann, wenn die Stadt ernst mache mit ihren Bemühungen um einen fairen Handel und das Prinzip auch auf den heimischen Wettbewerb anwende. „In der letzten Sitzung hat sich der gesamte Steuerkreis dafür ausgesprochen, dass wir nicht nur gegenüber dem globalen Süden fair sein, sondern auch den heimischen Wettbewerb fair gestalten und regionale Produkte fördern wollen.“ Letztlich sei das eine Chance, um den stationären Handel vor Ort zu unterstützen. „Faire und regionale Produkte sind nicht austauschbar. Sie könnten ein gutes Argument dafür sein, lieber in die Gifhorner Innenstadt zu fahren, anstatt im Internet einzukaufen.“

Fünf Kriterien, die Gifhorn zur Fairtradetown machen

1. Der Rat der Stadt verabschiedet einen Beschluss zur Unterstützung des fairen Handels. In Sitzungen und im Büro des Bürgermeisters werden Fairtrade-Kaffee ausgeschenkt und ein weiteres Fairtrade-Produkt angeboten.

2. Eine Steuerungsgruppe, bestehend aus mindestens drei Personen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, koordiniert die Aktivitäten auf dem Weg zur Fairtrade-Town und darüber hinaus.

3. Mindestens neun Gifhorner Einzelhändler und fünf gastronomische Betriebe bieten mindestens zwei fair gehandelte Produkte an.

4. Öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Vereine und Glaubensgemeinschaften setzen Informations- und Bildungsaktivitäten zum Thema Fairtrade um und bieten Fairtrade-Produkte an.

5. Die Steuerungsgruppe leistet Öffentlichkeitsarbeit und lokale Medien berichten über das Fairtrade-Engagement.


Was heisst Fairtrade?

Fairtrade-Standards beinhalten soziale, ökologische und ökonomische Kriterien für eine nachhaltige Entwicklung. Dazu gehören das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit, das Diskriminierungsverbot, geregelte Arbeitsbedingungen, Förderung des Bioanbaus, das Verbot gefährlicher Pestizide, transparente Handelsbeziehungen und die Bezahlung des Fairtrade-Mindestpreises.

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