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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Furchtlos am Netz und chinesischer als die Chinesen
19:03 01.09.2020
EM-Gold in Schweden: Badminton-Ass Willi Braun ist einer der erfolgreichsten VfL-Sportler der 60er und 70er Jahre. Fotos: Britta Schulze Privat
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Als aus Federball Badminton wurde, war er schon da: Willi Braun war einer der Weltklasse-Sportler, die der VfL Wolfsburg in den 60er und 70er Jahren in seinen Reihen hatte. Und er half mit, seine Sportart olympisch zu machen. Fußballer hätte er auch werden können, wollte aber nicht – dafür aber traf er den legendären Pelé.  

Er spielte chinesischer als die Chinesen, war in den 70ern Europas gefährlichster Netzspieler und brachte von Olympischen Spielen etwas mit nach Hause, bevor seine Sportart überhaupt olympisch wurde. Im vergangenen Jahr legte Wilhelm, genannt Willi, Braun mit 75 Jahren seinen letzten Schläger aus der Hand, jetzt feiert sein VfL Wolfsburg den 75. Geburtstag. Braun selbst hat ein erfolgreiches Kapitel in Grün-Weiß geschrieben, prägte den Badminton-Sport in der Autostadt über ein Jahrzehnt. 

Er hätte im Sport vieles werden können. Der junge Braun wusste mit dem Tischtennis-Schläger umzugehen, VfL-Trainer-Legende Imre Farkaszinski, sein Sportlehrer am Ratsgymnasium, wollte ihn für Fußball begeistern. „Ich hatte Ballgefühl, konnte Flanken schlagen“, berichtet Braun. Doch der junge Bursche lehnte dankend ab. „Im Verein war mir das zu ruppig – und ich hatte meine Liebe zum Badminton bereits entdeckt.“

Sein Schulfreund Dietrich, Sohn des ersten Spartenleiters Werner Franke, hatte ihn mit zum Training mit dem Federball nach Ehmen genommen. Erfolg stellte sich schnell ein. Für seinen ersten Vize-Titel bei einer Jugend-DM im Doppel schenkte ihm der TSV einen neuen Schläger. „Die waren rar. Er war aus Holz, konnte sich leicht verbiegen. Ich habe ihn gehütet wie einen Schatz.“ Doch der ging beim Spielen an einem Basketball-Korb kaputt. „Für mich brach eine Welt zusammen.“

Ehe- und Mixed-Partner: Ursula und Willi Braun haben sich beim Badminton kennengelernt.
Ehe- und Mixed-Partner: Ursula und Willi Braun haben sich beim Badminton kennengelernt.

Braun wechselte 1965 nach Wolfsburg. Der VfL hatte am 7. September 1956 seine Federball-Abteilung gegründet, die später in Badminton-Abteilung umbenannt wird. In VW-Bussen, welch ein Luxus, wurden die Spieler zu ihren Partien gefahren. Und: „Für ein Wochenende gab’s 20 Mark Essens-Zuschuss. Das war eine kleine Hilfe.“ Er wird ein Großer und 1966 Nationalspieler. Bei der ersten EM überhaupt, 1968 in Bochum, holt der Wolfsburger mit Franz Beinvogl (München) Bronze. Gemeinsam gewannen sie auch Brauns ersten von fünf DM-Titeln im Doppel.

Es folgten goldene Zeiten – und ein unglaubliches Jahr 1972. Die neugegründete Bundesliga startet zwar ohne den VfL, doch Wolfsburg qualifiziert sich als Oberligameister für die Aufstiegsrunde und wurde erstklassig. „Willi war ein absoluter Weltklassespieler“, schwärmt sein ehemaliger Wolfsburger Doppel-Partner Hans Werner Niesner noch heute. Mit seinem neuen internationalen Partner Ronald Maywald vom 1. BC Beuel harmonierte Braun glänzend. „Ich war am Netz furchtlos. Maywald konnte gut schmettern.“ Das Duo gewann 1972 in Schweden sein erstes EM-Gold. Im Finale besiegten sie die Engländer Derek Talbot und Elliot Stuart mit 15:11, 18:13.

Bundesliga-Aufstieg, EM-Gold – doch damit nicht genug im Jahre 1972. „Badminton war Demonstrationssportart bei den Olympischen Spielen“, so der Wolfsburger. Im Feld mit Indonesien, Malaysia, Dänemark und Spanien wurde Deutschland Dritter. Medaillen gab es nicht. „Aber einen kleinen Becher von den Malayen“, erinnert sich Braun, der im Münchner Olympia-Stadion in der ersten Reihe seiner VfL-Kollegin Hildegard Falck bei ihrem Gold über 800 Meter zujubelte.

Golden wird’s für Braun auch bei der EM 1974 in Wien. Und kurios. Im Vorfeld geht’s mit Ehefrau Ursula, die er natürlich beim Badminton kennenlernte, mit der er zwei norddeutsche Titel im Mixed sammelte und seit 52 Jahren verheiratet ist, auf die Ise zum Rudern. Die Kinder feuerten den Papa an, der legte sich in die Riemen. Die Folge: eine dicke Blase. „Nicht schlimm, aber schmerzhaft. Den Schläger konnte ich deshalb nicht gut halten.“ Aus Pflastern und elastischem Mull entstand ein Verband. Braun beißt sich durch. Der Lohn: Die Titelverteidigung gegen Svend Pri und Poul Petersen aus Dänemark in drei Sätzen. Was ihn freute: „Jetzt gab es die Sportförderung. Als dreifacher Familienvater konnte ich das gut gebrauchen.“

Doppelpartner: Ronald Maywald und Willi Braun (v.).
Doppelpartner: Ronald Maywald und Willi Braun (v.).

Im selben Jahr begann auch die nationale Braun-Maywaldsche Siegesserie, die bis 1977 vier DM-Titel in Folge brachte, bei der EM 1976 gab’s noch einmal Bronze in Dublin (Irland). 1977, nach der Rückkehr von der ersten Badminton-WM aus Malmö (Schweden), verabschiedete er sich vom Leistungssport mit 33 Jahren. Später wechselte er zum Tennis und legte beim SV Rühen im vergangenen Jahr mit 75 seinen letzten Schläger aus der Hand. Der war nun längst nicht mehr aus Holz, er aber bei den Herren 60 noch die Nummer 1.

Angesammelt haben sich beim pensionierten Schulleiter viele Pokale und Medaillen: „Die meisten habe ich verschenkt. An einen Elektriker, der bei uns dann aus Dankbarkeit Leitungen verlegt hat.“ In Ehren hält er die EM-Medaillen und das Silberne Lorbeerblatt, die höchste sportliche Auszeichnung der Bundesrepublik. Was ihm daneben in Erinnerung geblieben ist, sind drei Dinge: ein Schutzengel, eine Einladung und ein Lob.

Der Schutzengel fuhr mit. Bei einem seiner Einsätze als Zivildienstleistender mit dem Rot-Kreuz-Bulli krachte 1968 ein Taxifahrer in den Krankenwagen. Den Platz, auf dem der Wolfsburger eigentlich saß, gab es nach dem Zusammenprall nicht mehr. Der Bulli hatte sich in der Folge des Unfalls um einen Betonmast gewickelt. „Er hätte mich voll erwischt“, so Braun. Doch er befand sich im Heck des Bullis bei einer Patientin. „Das hat mir das Leben gerettet.“

Die Einladung gab’s zum Ball des Sports. „Das Motto lautete ‚Brasil’, auch Pelé war da. Ich habe Hans-Dietrich Genscher mit Mildred Scheel tanzen sehen, da ist einem Begleiter des Ministers aus Versehen die Pistole aus dem Halfter gefallen“, schmunzelt der Wolfsburger.

Das Lob bekam er gemeinsam bei einem Länderspiel gegen China. Deutschland verlor, Braun und Maywald gewannen ihr Doppel dennoch. „Wir haben chinesischer als die Chinesen gespielt, wurde über uns gesagt.“ Mehr geht in seiner Sportart nicht. Text: Maik Schulze

Badminton-Start in der Laagbergschule

Im September 1956 gründete der VfL seine Federball-Abteilung, die später in Badminton-Abteilung umbenannt wird. Erste Heimat der Wolfsburger Federballer ist die Turnhalle der Laagbergschule. Die ersten deutschen Meistertitel holten Willi Braun, Rolf Würfel und Elke Weber für den VfL.

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