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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Hätte, hätte, Viererkette
08:44 15.01.2020

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Von Andreas Pahlmann  

Eine normale Saison, darauf hätte man sich im Sommer mit vielen VfL-Freunden in und um Wolfsburg herum einigen können, wäre schon ganz okay. Ein bisschen wieder an den internationalen Plätzen schnuppern, mit unten nichts zu tun bekommen und ein wenig den Schwung aus der Vorsaison mitnehmen. Mehr ist nach drei aufregenden Jahren mit zwei Fast-Abstiegen und dem fast sensationellen Sprung in die Europa League gar nicht nötig.  

Genau so eine Saison spielt der VfL gerade, hat mit unten nichts zu tun und schnuppert an den internationalen Plätzen. Und doch ist es alles andere als eine normale Saison. Denn dass eine Mannschaft nach der Hinrunde sowohl die wenigsten Tore geschossen als auch die wenigsten Tore kassiert hat, hat es in der 56-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga noch nie gegeben. Immerhin: Beide Rekordwerte teilt sich der VfL mit je einem weiteren Team, auch Mönchengladbach hat nur 18 Treffer kassiert, auch Fortuna Düsseldorf hat nur 18 Mal getroffen.

Diese Doppel-18 macht die Wolfsburger Saison bisher zu einer Saison der verpassten Möglichkeiten. Denn mit dieser stabilen Defensive wäre mehr drin gewesen, hätte das Spiel nach vorn nicht so oft gelahmt. Und vielleicht wäre es doch schlauer gewesen, schon früher von 3-4-3 auf 4-3-3 umzustellen. Aber hinterher hat man‘s ja immer vorher gewusst. „Der Konjunktiv ist der Freund des Verlierers“, hat der vor drei Jahren verstorbene ehemalige Wolfsburger Eishockey-Trainer Toni Krinner gern gesagt. Für den VfL heißt das so viel wie: Hätte, hätte, Viererkette.
  

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Genau diese Diskussion um die vermeintliche taktische Sturheit des Trainers lief bereits, als in der zweiten Dezember-Woche Erstaunliches passierte. Nach dem 0:1 beim SC Freiburg forderte Oliver Glasner von seinen Spielern öffentlich eine andere Mentalität („Man muss sich jedes Jahr aufs Neue beweisen; der eine oder andere ist nicht bereit, etwas nachzusetzen“), um die größte Veränderung dann selbst vorzunehmen: Er fand einen Kompromiss zwischen seiner Spiel-Idee und den Wünschen der von ihm gescholtenen Spieler, setzte weiter auf frühe Balleroberung und Umkehrspiel, ließ seine Mannschaft aber in anderer Formation agieren, was vor allem dem Flügelspiel zugutekam. Kapitän Josuha Guilavogui: „Das ist unser favorisiertes System.“ Das Comeback seines Schlüsselspielers Xaver Schlager tat dann sein Übriges, der Viererketten-VfL verlor von den vier Spielen vor Weihnachten nur noch das bei den Bayern, bot dort allerdings eine mehr als ordentliche Leistung.


Vielleicht wäre es schlauer gewesen, schon früher von 3-4-3 auf 4-3-3 umzustellen, aber hinterher hat man‘s ja immer vorher gewusst.


Die Richtung stimmt, am Ziel seiner sportlichen Entwicklung ist dieser VfL allerdings noch lange nicht. „Wir haben zu wenig Chancen verwertet“, weiß Sportdirektor Marcel Schäfer und leitet daraus die leicht zu formulierende, aber schwer umzusetzende Forderung ab: „Im neuen Jahr müssen wir konsequenter und effizienter werden.“ Wie groß der Zusammenhang zwischen Torgefahr und taktischer Formation wirklich ist, wird die Rückrunde zeigen. Klar ist: In den letzten Spielen des alten Jahres wirkte der VfL zielstrebiger, wenn er den Ball hatte. Aber nach wie vor ist der letzte Kontakt – der, der den Sinn des Spiels erfüllen soll – das Problem: Aus 221 Schüssen auf das gegnerische Tor machte Wolfsburg 18 Treffer, ein so schlechtes Verhältnis von Hoffnung und Erfüllung hat kein anderes Team der Liga.

Fand einen Taktik-Kompromiss, der funktionierte: VfL-Trainer Oliver Glasner.
Fand einen Taktik-Kompromiss, der funktionierte: VfL-Trainer Oliver Glasner.

Wenn erfolgreich an dieser Stellschraube gedreht wird, Admir Mehmedi und Daniel Ginczek nach Verletzungspausen wieder ihren wichtigen Beitrag zur Wolfsburger Gefährlichkeit liefern können, dann fehlt womöglich gar nicht viel, um aus dem VfL ein Team für das obere Bundesliga-Drittel zu machen. Von daher ist es verständlich, dass – anders als noch im Sommer – im Wintertrainingslager recht offen über ehrgeizige Ziele gesprochen wurde. „Die Hinrunde war ordentlich“, so Guilavogui, „aber wir wissen, dass wir es besser machen können. Wir alle wollen unbedingt wieder nach Europa. Dafür brauchen wir in der Rückrunde mindestens 28 Punkte – das könnte für Platz sechs reichen.“

Die entsprechenden Erfahrungen des Trainers sind gut, in Österreich sammelten Glasners Teams regelmäßig nach der Winterpause mehr Punkte als davor. Er ist anspruchsvoll, erwartet von seinen Spielern, dass sie seine Ideen verinnerlichen – und es kann Zeit brauchen, bis er für alle Profis seines Teams die richtige Art der Ansprache gefunden hat. Auch das meint Manager Jörg Schmadtke, wenn er Geduld einfordert: „Früher war alles ein bisschen entspannter, jetzt geht es nur noch um Ergebnisse – es gibt keine Zeit mehr für Entwicklung.“ Beim VfL bekommt Glasner diese Zeit, gestärkt von Manager Schmadtke und Sportdirektor Schäfer, die nach der Demission von Bruno Labbadia gezielt diesen Trainer-Typus mit dieser Spielidee gesucht hatten. Und man darf annehmen, dass dem Führungsduo auch bei der Saisonbilanz im Mai die Entwicklung des Wolfsburger Spiels wichtiger sein wird als der Tabellenplatz.


Mehr Tore sollte der VfL schon schiessen – denn wenn aus verpassten möglichkeiten langeweile wird, ist es mit der Geduld oft nicht weit her.


Die Entwicklung des VfL insgesamt lässt derweil ähnlich wie die sportliche Lage gemischte Gefühle zu. Einerseits ist es gut, dass es wieder reichlich Spieler gibt, die – wie einst Roy Präger, Edin Dzeko und viele andere – auf dem Weg zu bekannten Liga-Größen eindeutig als Wolfsburger wahrgenommen werden, nicht als zugekaufte Stars. Anders gesagt: Wenn sie einem Fußball-Fan irgendwo in Deutschland die Namen Wout Weghorst, Josuha Guilavogui oder Maximilian Arnold zurufen, wird der sofort Männer in grünen Trikots vor Augen haben. Der VfL bekommt so wieder eine Identität, die er zu Schürrle-Draxler-Origi-Zeiten so nicht hatte.
  

Optimistisch in die Rückrunde: Beim VfL zeigte der Trend vor Weihnachten nach ob en.
Optimistisch in die Rückrunde: Beim VfL zeigte der Trend vor Weihnachten nach ob en.

Andererseits tun die Abschiede von Gian-Luca Itter im Sommer und Elvis Rexhbecaj im Winter weh, weil sie die Reihe der hoffnungsvollen Eigengewächse verlängern, die es dann doch nicht dauerhaft in Wolfsburg in die Bundesliga geschafft haben. Diese Liste ist ohnehin schon bemerkenswert lang, auf ihr stehen Namen wie Paul Seguin, Sebastian Polter, Tolga Cigerci oder Paul Jaeckel. Seit Arnold und Robin Knoche, die 2011 mit wenigen Wochen Abstand jeweils ihr Bundesliga-Debüt feierten, hat es kein Spieler aus dem Nachwuchs dauerhaft in den Bundesliga-Kader geschafft. Für die, die seitdem gingen, war der Wechsel oft der richtige Schritt – für den VfL aber, der viel Wert auf die Ausbildung seiner Jugendspieler legt, ist es eine schlechte Bilanz. Denn selbst ausgebildete Spieler sind ein wichtiger Baustein für Identifikation – und sie würden dem VfL zudem noch bei einem ganz anderen Problem helfen. Denn noch immer passen die wirtschaftliche und die sportliche Bilanz des VfL nicht zusammen, noch immer hat Wolfsburg einen der größten Gehalt-Etats der Liga, noch immer machen dem Duo Schmadtke/Schäfer die vor ihrer Zeit abgeschlossenen Verträge das Leben schwer – zu spüren war es unter anderem bei den Verhandlungen zur Verlängerung des (gut dotierten) Knoche-Vertrags und beim Versuch, einen Abnehmer für Yunus Malli zu finden. Die Lösung dieses Problems kann sich bis 2023 ziehen – dann erst läuft der letzte noch von Schäfer-Vorgänger Olaf Rebbe ausgehandelte Vertrag (mit Josip Brekalo) aus.

Und bis dahin? Die Leistungsträger sind übers Saisonende hinaus gebunden, der VfL kann es sich leisten, ein bisschen mittelfristiger zu denken als zuletzt. In dieser Spielzeit hat ihm das Liga-Theater offenbar keine große Heldenrolle zugedacht, die nehmen eher Mönchengladbach oder Freiburg ein, andererseits muss sich Wolfsburg anders als etwa Mainz oder Bremen keine allzu großen Sorgen um Buhrufe am Ende der Vorstellung machen. Die ersten drei Rückrundenspiele in Köln, gegen Hertha und in Paderborn lassen zumindest die Fantasie zu, dass es richtig gut losgehen kann. Und was die Europa League für den VfL noch bereithält, ist spannend.

Aber ein paar Tore mehr sollte er dann schon schießen, der VfL 2020. Denn so entspannt eine normale Saison auch sein kann: Wenn aus verpassten Möglichkeiten Langeweile wird, ist es mit der Geduld oft nicht weit her.

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