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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Ich bin hier nicht fertig
08:02 15.01.2020

Von Alexander Flohr 

Herr Weghorst, mit dem VfL waren Sie im Winter im Trainingslager in Portugal – hatten dort ein tolles Hotel und einen super Platz. Erinnern Sie sich noch, wie es vor zehn Jahren bei DETO Twenterand war? 

Ich glaube, wir hatten damals gar kein Trainingslager (lacht). Natürlich ist der Unterschied von heute zu damals enorm. Jetzt kann ich professionell arbeiten.

Damals hatten Sie noch in der vierten niederländischen Liga gespielt. Was war ausschlaggebend für Ihre Entwicklung?

Es ist nicht so leicht zu sagen, woran es gelegen hat. Da sind viele Dinge zusammengekommen. Ich habe meinen Weg gemacht. Es ging darum, wie man Fußball lebt, was man dafür tun muss und wie bereit man ist. Ich bin überzeugt, dass man hart dafür arbeiten muss.
  

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Jeder weiß, dass Sie ein ehrgeiziger Typ sind. Hat es Sie damals genervt, dass Sie noch nicht auf einem professionellen Level arbeiten konnten?

Ich war schon immer so, wie ich jetzt bin. Auf dem Amateur-Niveau war der Unterschied natürlich groß. Manchmal hat mich das schon genervt. Ich hatte das Gefühl, dass immer mehr drin war und ich nicht alles machen konnte, was ich machen wollte. Das ist aber auch einfach mein Charakter. Bis heute habe ich noch das Gefühl, dass ich immer mehr machen muss und es nie genug ist. Das wird auch immer so bleiben. Das ist mein Weg. Und ich denke, das hat mich auch dahin gebracht, wo ich heute bin.

Wie einfach war es, als junger Spieler mit dieser Einstellung mit erfahrenen Spielern im Kader klarzukommen?

Das war nicht immer einfach. Du versuchst, zusammen etwas zu erreichen.

Aber am Ende geht es natürlich nur um dich. Es geht um deine Karriere. Deshalb habe ich sehr viel für mich selbst gearbeitet. Es war mir egal, was die Leute von mir denken. Früher ging mir vieles gegen den Strich, da habe ich die Konfrontation gesucht. Mittlerweile weiß ich, dass man Menschen nicht ändern kann. Ich konzentriere mich auf mein Ding.
  


 Sie haben drei Brüder – hatten  Sie in der Familie auch immer schon den stärksten Ehrgeiz?

Ja, definitiv. Ich war schon immer etwas fanatisch. Wir hatten aber alle die Bereitschaft, etwas zu erreichen. Wir sind alle in einem Job, den wir gerne haben wollten. Einer ist Pilot geworden, der andere Architekt und der dritte Unternehmer.

Gab es für Sie einen Plan B?

Nein, eigentlich nie. Ich habe aber auch studiert, bis ich 23 Jahre alt war, BWL, ein Jahr auch Journalistik. Ich hatte dabei aber nie im Kopf, dass es mit dem Fußball nicht klappen könnte.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Die Fragen haben sich natürlich mit der Zeit gehäuft. Sie haben gesagt: „Wout, das ist ja alles schön. Aber denk bitte daran, falls es nicht klappen sollte. Es wurde immer schwieriger. Aber ich habe meinen Traum niemals aufgegeben.

Warum wurden Sie von den Nachwuchsakademien nie entdeckt?

Ich war nicht das allergrößte Talent. Es gab einige Spieler in meinem Alter, die besser waren als ich. Als ich dann Wachstumsschübe bekommen habe, hatte ich motorische Probleme. Am Ende haben die Scouts eben andere Jungs genommen.

Wie haben Sie es dennoch ins Profi-Geschäft geschafft?

Ich glaube, meine Mentalität ist trotzdem immer aufgefallen. Zudem habe ich eben immer Tore erzielt – auch in der Jugend. Ich hatte keine extreme Saison, in der ich besonders oft getroffen habe. Es war irgendwas da, was dann doch aufgefallen ist – die absolute Bereitschaft. Ich hatte etwas, was nicht viele hatten. Ich war bereit, lange Tage zu machen und viel extra zu arbeiten.

Woher kommt das?

Keine Ahnung. Ich habe früher ständig gehört, dass es unmöglich für mich ist, Pro zu werden. Es gab viele Menschen, die gesagt haben: „Wout, vergiss das mal mit dem Fußball. Du bist nicht gut genug.“ Vielleicht hat das irgendwas in mir geweckt.


„Ich habe studiert, bis ich 23 war, aber ich hatte nie im Kopf, dass es mit dem Fussball nicht klappen könnte.“


Mittlerweile sind Sie ein gestandener Fußballprofi . Haben Sie sich in dieser Zeit verändert?

Nein. Ich bin vielleicht etwas erwachsener geworden. Aber ich bin, wie ich bin. Ich mache mir dieselben Gedanken wie vor zehn Jahren. Klar bin ich bekannter geworden, aber mir ist es immer noch total egal, wie jemand über mich denkt.

Genießen Sie es, dass Sie Person des öffentlichen Lebens sind?

Das ist komisch. Ja und auch Nein. Die Aufmerksamkeit ist immer auf dich gerichtet. Da denke ich mir schon manchmal, dass es jetzt auch mal reicht. Auf der anderen Seite brauche ich auch ab und zu die Aufmerksamkeit.

Wird man als Profisportler in Ihrer Heimat anders wahrgenommen als in Deutschland?

Ja. Für mich persönlich ist es ein Riesen-Unterschied, es hat sich mit meinem Wechsel nach Deutschland zum Positiven verändert. Hier gibt es viel mehr Anerkennung und Respekt. Wenn du hier hart arbeitest, dann schätzen das die Menschen schnell. In Holland schauen sie eher auf das Riesen-Talent und die technischen Fähigkeiten. Klar ist: So ein Spieler bin ich nicht. Als ich jünger war, hat mich diese Wahrnehmung gestört.
  

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Während Ihrer Zeit in Holland haben Sie auch gerne mal eine Auszeit vom Fußball gesucht. Vor zwei Jahren haben Sie einen älteren Mann, den Sie vorher nicht kannten, bis zu seinem Tod begleitet. Warum?

Ich habe im Fernsehen gesehen, dass es die Möglichkeit gibt, ältere Menschen ohne Angehörige im Altersheim zu besuchen. Ich dachte mir, das ist eine tolle Aktion – und wollte das gerne unterstützen. Es ist nun mal ein Scheiß-Gefühl, wenn man sich alleine fühlt.

Hat Ihnen diese Zeit auch geholfen?

Auf jeden Fall. Ich war nicht Fußballer, sondern Wout. Er hatte keine Ahnung von Fußball und wir haben auch nie über Fußball geredet. Es hat mir ein super Gefühl gegeben, mal aus dieser Macho- Welt herauszukommen.

Das klingt, als würde Sie das Business manchmal ganz schön nerven...

So ist es auch. Ich denke nicht, dass ich im Fußball bleiben werde, wenn ich meine Karriere beende. Vielleicht finde ich es schön, ein- bis zweimal die Woche eine Jugendmannschaft zu trainieren. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich wirklich im Fußball bleiben will.
  


Ich könnte Sie mir schon als lautstarken Trainer an der Seitenlinie vorstellen…

Nein, Trainer möchte ich wirklich nicht werden. Ich habe eine klare Vorstellung von Fußball. Wenn du Trainer bist, erwartest du, dass dann alles so ungesetzt wird. Ich würde mich viel zu viel aufregen.

Dann würden Sie das Leben als Hausmann und mehrfacher Familienvater bevorzugen?

Es war schon immer mein Traum, ein Leben mit vielen Kindern zu haben. Am liebsten würde ich vier Mädchen haben. Jetzt habe ich eine Tochter, unser zweites Kind ist unterwegs. Es gibt aktuell nichts Schöneres für mich. In den letzten eineinhalb Jahren hat sich einiges verändert. Denn vorher hat sich alles nur um Fußball gedreht. Jetzt ist es auch zu Hause wunderschön.

War es so leicht, den Fußball nicht mehr als einzigen Mittelpunkt zu haben?

Ja, von Tag eins an hat sich alles komplett geändert. Natürlich habe ich meine Träume im Fußball, aber das Wichtigste ist, dass meine Kleine glücklich ist – und alle anderen, die nachkommen, auch. Mein Zuhause und der Fußball gehen Hand in Hand. Ich versuche, beim Fußball und in meiner Familie hundert Prozent zu geben.

Beim VfL werden Sie für Ihren Einsatz gelobt. Was macht für Sie einen Stürmer aus?

Das Wichtigste sind natürlich die Tore. Du musst aber auch für die Mannschaft da sein – du musst vorn draufgehen und als gutes Beispiel vorangehen. Es ist aber auch wichtig, dass du anspielbar bist und den Ball behalten und kontrollieren kannst.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie ein Tor schießen?

Das kann man eigentlich nicht beschreiben. Genau dafür mache ich meine ganze Arbeit. Wenn ich treffe und mir alle zujubeln, ist das für mich das schönste Gefühl, das es gibt. Manchmal denke ich daran, dass ich vielleicht mal ein paar Spiele nicht treffen könnte. Ich ho e, das wird mir nicht passieren.   


„Premier League ist natürlich was Geiles. Das würde ich gerne mal miterleben.“


Weil Sie dann die Lust an Ihrem Job verlieren würden?

Das ist für mich einfach die Belohnung für meine harte Arbeit – wirklich nur für dieses Gefühl. Es ist nicht für das Training oder für irgendwelche Preise. Ich spiele für diesen Moment. Etwas Besseres gibt es einfach nicht.

Wann freuen Sie sich am meisten über ein Tor?

Das ist immer unterschiedlich. Wenn ich dreimal hintereinander treffe, jubele ich etwas verhaltener. Aber als ich mal sechs Wochen nicht getroffen habe, kam ein extremes Gefühl in mir hoch.

Ich hatte es aber noch nie, dass ein Tor nichts in mir ausgelöst hat. Ist das Toreschießen auf Amateur- und Profi-Ebene etwas anderes – weil der Druck auch ein ganz anderer ist?

In der Jugend war es natürlich alles viel freier. Jetzt ist es mein Beruf und meine Aufgabe, Tore zu schießen. Daran werde ich gemessen, ob ich gut bin oder nicht. Wenn ich vier oder fünf Spiele hintereinander nicht treffe, war ich nicht gut – da bin ich dann auch nicht zufrieden.
   

Der Druck ist also ein ständiger Begleiter in Ihrem Alltag.

Letztes Jahr gegen Stuttgart hatte ich zuvor fünf oder sechs Spiele nicht getroffen. Ich hatte zwar gespielt, hatte die Unterstützung der Mannschaft, aber ich war mit mir selbst einfach nicht zufrieden. Ich wollte wichtig sein. Da macht man sich schon seine Gedanken. Nach sechs Spielen kam dann bei mir alles heraus.

Welches Tor werden Sie niemals vergessen?

Definitiv mein erstes Tor in Amsterdam. Es war mein erstes Spiel von Beginn an in der ersten Liga in Holland. Damals habe ich für Almelo gespielt. Wir waren 0:2 hinten. Ich habe zum Anschluss getroffen. Die Partie war schon minutenlang wieder angepfiffen, und ich habe mich wie in einer anderen Welt gefühlt. Ich war plötzlich erwachsener und größer.

Von der Disziplin und der Einsatzbereitschaft her könnte man sagen, Sie seien der geborene Anführer eines Teams...

Schon (lacht). In Alkmaar war ich ja auch Kapitän. Hier habe ich in dieser Saison auch einmal Josh vertreten. Ich versuche, mit Leidenschaft voranzugehen und ein Vorbild zu sein. Manchmal rege ich mich etwas zu schnell auf und werde böse. Da versuche ich noch an mir zu arbeiten. Grundsätzlich ist es aber schon etwas, was in mir drin ist. Davon bin ich überzeugt.

In dieser Saison sind Sie mal wieder mit weitem Abstand der Top-Scorer des Teams. Ist Ihnen das auch manchmal etwas zu viel Last auf Ihren Schultern?

Es ist, wie es ist. Wir haben vorn Jungs, die Tore schießen können. Das hat aber nicht immer geklappt. Wir hatten oft Pech im Abschluss.
  


Trotzdem bleiben Sie vorn der entscheidende Mann. Wie viele Tore sollen in der Rückrunde noch folgen?

Ich habe mir eine Marke vor der Saison gesetzt. Ich bin jetzt bei elf Treffern und auf einem guten Weg. Ich wünsche mir, dass ich nun noch gefährlicher bei Standards werde.

Welche Ziele haben Sie noch für dieses Jahr?

In der Liga wollen wir die Platzierung aus der vergangenen Saison gerne wiederholen – und uns erneut für Europa qualifizieren. Im Pokal sind wir leider raus. In der Europa League sind wir weiter dabei, und ich habe das Gefühl, dass noch etwas drin ist.

Wie weit kann der VfL dort kommen?

Wenn es nach mir geht, dann gewinnen wir die Europa League natürlich. Wir hatten uns vorher das Ziel gesetzt, in die K.o.-Runde zu kommen. Das haben wir geschafft. Jetzt dürfen wir uns damit nicht zufriedengeben. Wir müssen alles daran setzen, so weit wie möglich zu kommen.

Wie sieht es für Sie persönlich mit der niederländischen Nationalmannschaft aus?

Nach der Saison steht mit der Europameisterschaft ein wichtiges Turnier an. Ich möchte unbedingt dabei sein. Mein Ziel ist es, alles dafür zu geben, damit ich sagen kann: „Ich habe nichts liegengelassen. Jetzt ist es die Entscheidung des Trainers.“ Ich würde es mir nie vergeben, wenn ich ein paar Prozent zu wenig dafür gegeben hätte.

Wenn man Ihre Vita liest, dürfte in diesem Sommer noch ein weiteres Ereignis anstehen.

Ich weiß, worauf Sie anspielen...

Seit 2012 haben Sie alle zwei Jahre eine neue Karrierestufe genommen. Von Emmen nach Almelo, danach nach Alkmaar, nun sind Sie seit Juli 2018 beim VfL. Theoretisch müsste im Sommer der nächste Wechsel anstehen...

Ja, das stimmt (lacht).

Und? Kommt ein anderer Klub in Frage?

Natürlich habe ich meine Träume. Aber ich fühle mich sehr wohl hier und ich bekomme sehr viel Anerkennung. Im Sommer habe ich einen neuen Vertrag beim VfL Wolfsburg unterschrieben. Aber ich bin, wie ich bin. Ich will immer das Höchste erreichen. Wenn irgendwann eine Möglichkeit kommt, mit der ich mich verbessern kann, dann denke ich natürlich darüber nach. Das kann ich auch nicht ausschließen.

Klingt, als hätten Sie Ihr Limit noch nichts erreicht.

Ich habe das Gefühl, dass noch mehr drin ist, ich bin noch nicht fertig.

Von welcher Liga haben Sie als Kind geträumt?

Für mich haben Deutschland und England die schönsten Ligen. Sie passen zu mir. Die Premier League ist natürlich was Geiles. Das würde ich gerne mal miterleben. Aber da muss auch alles passen. Ich würde auch gerne beim FC Barcelona spielen (lacht). Was ich damit meine: Wenn etwas Schönes kommt, kannst du darüber nachdenken. Aber bisher stimmt das Gesamtpaket in Wolfsburg. Ich bin sehr glücklich hier.
  

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