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Wolfsburg
16:35 17.06.2020
Hinter den schweren Scheunentüren eröffnet sich dem Besucher ein Stück Geschichte.

Wenn man an dem großen Tor an der Hauptstraße 21 vorbeifährt, ahnt man kaum, welch Kleinod sich auf der alten Hofstelle der Familie Hotop verbirgt. Doch wenn sich die zwei großen, schweren Scheunentore öffnen, dürfte das Herz manch eines Nostalgie-Fans ein paar Takte schneller schlagen. In der rund 100 Quadratmeter großen ehemaligen Trecker-Scheune befinden sich ein paar seltene Gefährte: vier Kutschen und zwei Pferdeschlitten. Vor gut zehn Jahren eröffnete Hofbesitzerin Marlena Stumpf-Hotop hier ein kleines Museum, in dem sie historische Familien-Kutschen einer interessierten Öffentlichkeit in Privatführungen zugänglich macht.

Aber wie kommt man eigentlich darauf, mitten in einem 2000-Seelen-Dorf ein Museum zu eröffnen? „Als mein Mann verstarb, brauchte ich Ablenkung“, erinnert sich die ehemalige Grund- und Hauptschullehrerin. Deshalb machte sie sich erst einmal daran, in den Scheunen, Schuppen und Werkstätten aufzuräumen. Dabei stieß sie auf diverse Kutschen, die in sämtlichen Gebäudeteilen verstreut jahrelang unbeachtet ihr Dasein fristeten. Schließlich habe sie angefangen, alle Gefährte in hingebungsvoller Handarbeit wieder auf Vordermann zu bringen. Die 82-Jährige kann sich nicht erinnern, wie viele Stunden sie damit verbracht hat, die Gespanne handwerklich auszubessern, Kissenbezüge zu nähen, die schweren Gespanne an Ort und Stelle zu platzieren und letztendlich mit dekorativen Scheunenfunden und kleinen Details aufzupeppen. Und es spielt für die Hofbesitzerin auch keine Rolle – vielmehr ging es ihr darum, Ruhe zu finden und ganz nebenbei ein Stück Familiengeschichte zu reanimieren Als zeitgleich die nebenan gelegene Alte Schule neuer Dorfmittelpunkt wurde, keimte die Idee, ein kleines Museum zu eröffnen. Entsprechend tauchte sie immer weiter ein in die Familiengeschichte, wälzte alte Fotoalben, vergrößerte dokumentative Aufnahmen der Kutschen, rahmte diese und platzierte die Bilder an die Wände neben die jeweiligen Kutschen.

Im Jahr 2010 wurde die fixe Idee Wirklichkeit. Die Scheune hat sich zu einem urigen Museum verwandelt, dessen Mittelpunkt die vier Kutschen und zwei Pferdeschlitten sind. Eine ausrangierte Stalltür ist jetzt Halterung für nostalgische Reitgerten, Jagdstöcke, Jagdhörner und Pferdegeschirr, an einer anderen Wand hängt das Familienwappen, auf einer kleinen Kommode steht historisches Spielzeug, dort ein alter Puppenwagen aus Vorkriegsjahren – kurzum: Überall gibt es etwas zu sehen.



„HEUTE STECKT MAN DEN SCHLÜSSEL INS ZÜNDSCHLOSS UND FÄHRT LOS. FRÜHER MUSSTE MAN EINE STUNDE, BEVOR ES LOSGING, DIE PFERDE FÜTTERN, DANN DAS GESCHIRR UND DIE PFERDE ANSPANNEN UND DANN KONNTE ES LOSGEHEN.“

Marlena Stumpf-Hotop 


Ältestes Stück und Stolz der Familie ist die alte Landauer. Die viersitzige, vierrädrige zweiachsig gefederte Kutsche mit klappbarem Verdeck stammt aus dem 18. Jahrhundert. „Mein Großvater hat sie aus dem Marschstall in Braunschweig als Gebrauchtwagen gekauft“, weiß die Hofbesitzerin. „Sie kam lediglich zu Hochzeiten und anderen besonderen Festen zum Einsatz und hin und wieder sind wir damit auch zum Sonntagsgottesdienst in die Isenbütteler Kirche gefahren. Mit dem Arbeitswagen wurden in der Nachkriegszeit nicht nur Tauschwaren in die Gifhorner Sandmühle transportiert oder Fleisch zum Einbüchsen nach Brenneckenbrück gebracht, sondern später, in den 1970er-Jahren, auch Kutschfahrten für Kinder angeboten und im Winter wurde ein Rodelschlitten hinter gehängt. Am meisten war die große Jagdkutsche in Gebrauch – zum Jagen, aber auch für Familienbesuche oder um jemanden von der Bahn abzuholen“ Der kleine Schlitten stammt aus der vorletzten Jahrhundertwende. „Mein Urgroßonkel hat ihn selbst gebaut. Er ist massiv und unheimlich schwer“, erzählt Stumpf-Hotop. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass im Winter 1942/43 so viel Schnee lag, dass wir den Schlitten vorspannen mussten, um meinen Vater und einen Freund zum Bahnhof nach Calberlah zu bringen, weil sie einrücken mussten. Es war tragisch, sie sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt!“

Zu jeder Kutsche gibt es zahlreiche Erinnerungen, Geschichten und kleine Anekdoten, die Marlena Stumpf-Hotop aus ihrer Erinnerung abrufen kann. Die Existenz des Kutschenmuseums hat sich inzwischen über die Dorfgrenzen hinaus herumgesprochen. Und die Besitzerin ist gern bereit, Gäste an den Erinnerungen teilhaben zu lassen. Eine Herzensangelegenheit ist es ihr, Kindern beispielsweise aufzuzeigen, wie komfortabel es heute ist, mit dem Auto von A nach B zu kommen. „Heute steckt man den Schlüssel ins Zündschloss und fährt los. Früher musste man eine Stunde, bevor es losging, die Pferde füttern, dann das Geschirr und die Pferde anspannen und dann konnte es losgehen.“

Wer Interesse an einer Führung durch das kleine Kutschenmuseum hat, kann sich mit Marlena Stumpf-Hotop unter Telefon 053743512 in Verbindung setzen. nip
  

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