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Home Sonderthemen Gesundheit/Pflege Was das Herz begehrt
08:39 14.03.2019
FOTO: ISTOCK

Von Irene Habich 

Als Theresa May im vergangenen Sommer für ein Galadinner das Weiße Haus besuchte, konnte es jeder sehen: Das ärmellose Kleid der britischen Premierministerin ließ den Blick auf ihren linken Oberarm frei, auf dem eine kleine weiße Plastikplakette haftete. May leidet unter Diabetes Typ 1, der selteneren Form der Erkrankung. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert viel zu wenig von dem Hormon Insulin, welches normalerweise Zucker aus dem Blut in die Zellen des Körpers transportiert. Deshalb muss May sich Insulin regelmäßig spritzen – vor allem dann, wenn ihr Blutzuckerspiegel erhöht ist.


"Neue technische Entwicklungen helfen dabei, das Leben mit Diabetes enorm zu erleichtern."

Monika Kellerer, Professorin und Vizepräsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)


Die kleine Plastikplakette ist ein hochmodernes neues Messgerät, das Diabetikern wie ihr den Alltag erleichtern soll. Auf der Unterseite befindet sich eine feine Nadel mit Sensor, die kontinuierlich den Zuckerwert in Mays Körper misst. Die Informationen werden an das Smartphone der Politikerin übermittelt, dadurch weiß sie, wann sie sich wie viel Insulin spritzen muss. Ohne den Sensor müsste sich May ständig in den Finger piksen, um Teststreifen mit Bluttropfen zu benetzen, wie das bei der herkömmlichen Blutzuckerbestimmung üblich ist.

Insulinpens erleichtern die Injektion

RND-Grafik; Quelle: RKI
RND-Grafik; Quelle: RKI

Weltweit leiden immer mehr Menschen unter Diabetes, allein in Deutschland sind es derzeit sechs bis sieben Millionen. Gleichzeitig lässt sich der Alltag mit der Krankheit immer unkomplizierter gestalten. „Neue technische Entwicklungen helfen seit einigen Jahren dabei, das Leben mit Diabetes enorm zu erleichtern“, sagt Monika Kellerer, die Professorin ist Vizepräsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Selbst die klassischen Blutzuckermessgeräte seien heute leichter zu bedienen, lieferten anders als früher in Sekundenschnelle ein Ergebnis und benötigten für die Analyse nur winzige Blutmengen. Mussten Patienten früher noch Insulin aus der Ampulle aufziehen, erleichtern heute sogenannte Insulinpens die Injektion.

RND-Grafik; Quelle: RKI
RND-Grafik; Quelle: RKI

95 Prozent der Diabetiker in Deutschland leiden unter Diabetes Typ 2. Die Patienten reagieren weniger gut auf Insulin, sie brauchen dieses aber nicht immer gleich zu spritzen. Zunächst lässt sich die Krankheit meist mit Medikamenten oder einer Lebensstiländerung in den Griff kriegen. „Dafür stehen heute viel mehr verschiedene Stoffklassen zur Verfügung, von denen manche auch die Gewichtsabnahme erleichtern können, sagt Kellerer. Ein großer Vorteil, denn in vielen Fällen wirkt sich schon ein geringer Gewichtsverlust bei Typ-2-Diabetes positiv aus. Gleichzeitig fällt er den meisten Patienten sehr schwer.

Apps helfen im Alltag

Nützlich im Alltag können auch Diabetes-Apps für das Smartphone sein. Patienten können sich damit an die Blutzuckermessung erinnern lassen, die Nährwertangaben von Lebensmitteln prüfen und die Auswirkungen ihrer Mahlzeiten auf den Blutzuckerspiegel dokumentieren.


"Es handelt sich um eine Volkskrankheit, da kann man nicht einfach sagen, jeder sei selber schuld."


Solche Analysen sind sinnvoll, denn jeder Diabetiker reagiert unterschiedlich stark auf verschiedene Lebensmittel. Allerdings gibt es auf dem App-Markt kaum verlässliche Qualitätskontrollen. Bei der DDG können sich App-Hersteller deshalb seit einiger Zeit um eine Zertifizierung ihrer App bewerben. Wenn Bedienbarkeit, Sicherheit und Technik den Ansprüchen genügen, bekommt die Anwendung das „Dia-Digital-Siegel“ verliehen. „Damit wollen wir den Patienten etwas Orientierung bieten“, sagt Matthias Kaltheuner, der mitverantwortlich für das Projekt ist. „Denn eine schlecht gemachte App kann mehr schaden als nutzen – wenn zum Beispiel Nährwertangaben und Dosierungsempfehlungen für Insulin nicht stimmen.“

RND-Grafik; Quelle: www.diabetes-ratgeber.net
RND-Grafik; Quelle: www.diabetes-ratgeber.net

Gut gemachte Programme seien hingegen recht praktisch für Patienten, die sich intensiver mit ihrer Krankheit beschäftigen wollen. Allerdings: Egal, ob per App oder mit anderer moderner Technik – nicht jeder Patient wünsche sich die absolute Kontrolle, sagt Monika Kellerer. „Es gibt Menschen, die sich ohnehin schon zu viele Gedanken machen, und die das psychisch belastet, ständig ihre aktuellen Werte vor Augen zu haben.“

Wichtig sei nur trotz allem, dass ein Betroffener gut über seine Krankheit Bescheid weiß und im Umgang damit geschult wird.

Typ-2-Diabetes ist zum Teil genetisch bedingt

Während das bei Diabetes Typ 1 durchaus üblich ist, bekommen Typ- 2-Diabetiker aber oft erst dann eine Schulung, wenn die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass auch sie sich Insulin spritzen müssen. „Das ist eine vertane Chance“, sagt Kellerer. Denn Typ-2-Diabetes ist zwar zum Teil genetisch bedingt, wird aber auch durch Bewegungsmangel und eine ungesunde Ernährung begünstigt. Patienten können durch eine Änderung ihres Lebensstils oft großen Einfluss auf die Krankheit nehmen. „Würde man sie besser dazu beraten und motivieren – dann würde es bei vielen nie dazu kommen, dass sie Insulin brauchen“, sagt Kellerer. Ohne Unterstützung sei es als chronisch Kranker hingegen sehr schwierig, sein Leben zu ändern. Mit Beratung allein sei es ohnehin noch nicht getan.

RND-Grafik; Quelle: Statista
RND-Grafik; Quelle: Statista

Um Typ-2-Diabetes einzudämmen, müsse es grundsätzlich einfacher werden, sich gesund zu ernähren. „Wir fordern daher, Obst und Gemüse weniger und fett- und zuckerreiche Lebensmittel stärker zu besteuern und eine verständliche Kennzeichnung von gesunden und ungesunden Produkten in Form der Lebensmittel- Ampel einzuführen“, sagt Kellerer. Außerdem gelte es, rechtzeitig auf Prävention zu setzen: Durch ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel und Getränke, durch gesunde Mahlzeiten und eine Stunde Bewegung täglich in Kitas und Schulen.

Experten wie Kellerer sind sich einig, dass sich Diabetes dadurch nicht nur aufhalten, sondern sogar zurückdrängen ließe. „Es handelt sich um eine Volkskrankheit, da kann man nicht einfach sagen, jeder sei selber schuld. Deshalb ist hier auch die Politik gefordert.“

Die Zahl der an Diabetes Typ 2 erkrankten Menschen in Deutschland wird nach neuen Berechnungen des Deutschen Diabetes Zentrums (DDZ) in Düsseldorf viel stärker ansteigen als bisher prognostiziert. Wissenschaftler gehen nun von einem Anstieg bis 2040 auf 10,7 bis 12,3 Millionen Erkrankte aus.

Bisher sei eine Zunahme auf 8,3 Millionen Typ-2-Diabetesfälle in den nächsten 20 Jahren errechnet worden. 2015 waren rund 6,9 Millionen Menschen in Deutschland am besonders verbreiteten Typ-2- Diabetes (früher: Altersdiabetes) erkrankt.

Wissenschaftler des DDZ und des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben in einer Studie nicht nur die allgemein steigende Lebenserwartung einbezogen, sondern auch die der Diabetiker. Ihre Lebenserwartung steige aufgrund des medizinischen Fortschritts schneller als die der Nicht-Diabetiker. Ähnliches sei in anderen Ländern beobachtet worden. Dadurch hätten die Fallzahlen exakter als bisher berechnet werden können, sagte Ralph Brinks, Leiter der Studie.

Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben. „Friedlich einschlafen“ – dieser Begriff wird hier fast immer gebraucht. Statistisch gesehen stirbt jedoch jeder zweite Mensch in Deutschland in einem Krankenhaus. Diese Diskrepanz ist traurig, macht vielen Menschen Angst und hat verschiedene Ursachen: Manchmal verschlechtert sich ein Zustand akut und aus Hilflosigkeit oder Angst, einen Fehler zu machen, veranlassen Hausärzte oder Angehörige, dass der Patient in ein Krankenhaus kommt. Manchmal mangelt es auch an palliativmedizinischen Möglichkeiten, um den Patienten Schmerzen zu ersparen. Das alles sollte jedoch nicht sein. Die ärztliche Begleitung am Lebensende ist immer noch eine hausärztliche Aufgabe.

Neulich in unserer Notfallsprechstunde passierte es, dass mein Kollege zu einer Krisenintervention bei einem schwer kranken, palliativen Patienten gerufen wurde. Er fuhr umgehend hin. Während ich in unserer Praxis von Raum zu Raum eilte und die Patienten mangels Sitzgelegenheiten auf den Fluren standen, betreute mein Kollege in Ruhe seinen bald sterbenden Patienten. Medikamente, die er ihm über eine Vene verabreichte, befreiten von Angst, Luftnot und Schmerzen. Mein Kollege blieb bei dem Patienten, bis er gleichmäßig atmend schlief, und kehrte erst dann zurück in die Praxis.

Auch die ärztliche Betreuung am Sterbebett ist eine Notfallsituation. Es ist ein Grundsatz der humanistischen Medizin, dass stets der Mensch im Mittelpunkt steht – bis zuletzt.

Am übernächsten Tag ist der Patient meines Kollegen friedlich eingeschlafen.

Dr. Laura Dalhaus ist Allgemeinmedizinerin in Rhede im Münsterland. Auf ihrer Website www.landarzt.rocks schreibt sie regelmäßig über ihren Praxisalltag.


Forscher in China haben ein System entwickelt, das mittels künstlicher Intelligenz (KI) sehr zuverlässig Diagnosen bei Krankheiten von Kindern und Jugendlichen stellt. Im Vergleichstest mit Daten aus elektronischen Gesundheitsakten schnitt das KI-System bei der Diagnose besser ab als jüngere, unerfahrene Ärzte. Ihre Studie liefere einen Machbarkeitsnachweis, dass ein KI-System bei Daten auf der Basis natürlicher Sprache gute diagnostische Ergebnisse erzielen könne, berichtete die chinesisch-amerikanische Forschergruppe. Das Programm könne Ärzten helfen, Entscheidungen zu treffen, welche Patienten am dringendsten behandelt werden müssten. Deutsche Mediziner sehen bisher höchstens unterstützendes Potenzial in der KI.

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