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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Mehr drin
11:56 11.01.2018
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Dass es eine Übergangs-Saison mit Problemen werden kann, war vorher klar. Dennoch war bisher mehr drin für den VfL Wolfsburg. Die Rückrunde sollte nun dafür sorgen, dass auch mehr herauskommt.

Von Andreas Pahlmann

Mit Theorie und Praxis ist das ja so eine Sache. Theoretisch ist es nämlich eine gute Idee, dass sich der VfL Wolfsburg die Ziele für diese Saison nicht übermäßig hoch gesteckt hat, Rückschläge von vornherein einkalkuliert sind, und dass er schon ganz zufrieden ist, wenn es irgendwie besser läuft als in der vergangenen Spielzeit.

Praktisch aber schaut man sich dann das letz te VfL-Hinrunden-Spiel in Köln an und denkt: Was ist denn das bitte für ein Mist? Und dann wandert der Blick zur Tabelle und siehe da: Die Wolfsburger haben genau die 19 Punkte gesammelt, die sie vor einem Jahr am Ende der Hinrunde auch hatten.

So war das mit der Übergangssaison irgendwie auch nicht gedacht.

Gomez weg: Das kann die Chance für anderer sein, das VfL-Profil zu Schärfen

Aber wer die vor allem kämpferisch erschreckend schwache Leistung in Köln und den Tabellenplatz mal kurz außer Acht lässt, der kann durchaus erkennen, dass zwar noch nicht alles gut, aber schon wieder einiges besser geworden ist beim VfL Wolfsburg, der sich eine neue fußballerische Identität erspielen muss. Prägende Figuren wie Diego Benaglio, Luiz Gustavo, Ricardo Rodriguez oder Marcel Schäfer sind nicht mehr da, die entsprechenden Lücken lassen sich nicht im Schnellverfahren füllen. Aber Partien wie die gegen Berlin, gegen Freiburg oder auch gegen Mönchengladbach haben gezeigt, dass das neue VfL-Team auf eine Art zu begeistern vermag, die man monatelang zuvor nicht gesehen hatte. Wenn Sportdirektor Olaf Rebbe sagt, „Wir wollen für Konstanz stehen“, dann hat er die Leistungen der Mannschaft aus diesen Spielen im Kopf – und will sie immer wieder sehen. Denn: „Wir wollen nicht mehr dieses Wellental der Gefühle.“ Das ist ein ehrgeiziges Ziel, und über die Frage, wie weit der VfL diesem Ziel schon gekommen ist, lässt sich prima streiten.

VfB statt VfL: Mario Gomez.
VfB statt VfL: Mario Gomez.

Sichtbar ist, dass das mannschaftstaktische Gefüge unter Trainer Martin Schmidt besser geworden ist, ohne dass allerdings gleich atemberaubende Siegesserien die Folge gewesen wären. Schmidts Vorgänger Andries Jonker hatte noch darunter gelitten, dass er ein 4-3-3-System spielen lassen wollte, ihm dabei für die so enorm wichtigen offensiven Flügelpositionen aber nur B-Lösungen zur Verfügung standen, weil der überhitte Transfermarkt im Sommer keine A-Lösungen parat gehabt hatte. In der Folge spielte der VfL ohne erkennbares Offensivkonzept – und Jonker musste nach nur vier Spieltagen gehen. Nachfolger Schmidt, einst Experte für Auto-Tuning, schraubt seitdem mit Lust an permanenter Veränderung an der Mannschaft herum, warf erfolgreich Youngster Gian-Luca Itter ins kalte Bundesliga-Wasser, stärkte die Position von Maximilian Arnold, ließ Yunus Malli und Daniel Didavi zusammenspielen (was unterschiedlich gut klappte), und sorgte sogar dafür, dass Mario Gomez durch seine Laufwege auch dann Einfluss aufs Spiel hatte, wenn er kein Tor schoss. Dabei macht er immer wieder ein großes Geheimnis um Form und Gesundheitszustand seiner Spieler, will seine Gegner und seine eigene Mannschaft stets überraschen, verrät auch seinen Profi s die Aufstellung mitunter erst kurz vorm Spiel.

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Zur Rückrunde muss er weiter schrauben, denn Mario Gomez ist nicht mehr da. Dass der Stürmer sportlich fehlt, ist unwahrscheinlich. Er riss zwar zur Zufriedenheit Schmidts immer wieder Lücken in gegnerische Abwehrreihen, aber insgesamt war sein Spiel zu eindimensional. Dass er als Aushängeschild des VfL fehlen wird, bestreitet dagegen niemand. Allerdings kann das auch eine Chance für andere Spieler sein, das Profil des VfL zu schärfen – eines neuen VfL, der nicht mehr für den Einkauf von 30-Millionen-Nationalspielern mit fragwürdiger Motivationslage stehen, sondern für hungrige und ehrgeizige Spieler, denen man es in zehn oder 20 Jahren abnehmen möchte, wenn sie den VfL Wolfsburg als wichtige Station ihrer Karriere bezeichnen. Maximilian Arnold fällt einem da als erstes Beispiel ein, aber er ist bei weitem nicht der Einzige.

Der Sportdirektor wünscht sich mehr Konstanz: Olaf Rebbe (l.) mit VfL-Trainer Martin Schmidt.
Der Sportdirektor wünscht sich mehr Konstanz: Olaf Rebbe (l.) mit VfL-Trainer Martin Schmidt.

Dass beim neuen VfL nicht immer Fußball, Arbeit und Leidenschaft herauskommen, sondern eben wie etwa in Köln auch mal Fußball ohne Arbeit, der Leiden schaff t, ist im Grunde einkalkuliert. Schwankungen gehören bei einem Umbruch wohl dazu. Allerdings verfügt der VfL trotz aller Verjüngung immer noch über einen Kader, der nicht nur teurer ist als der der meisten Tabellennachbarn, sondern auch mit so viel individueller Qualität bestückt, dass man sich immer denkt: Da müsste doch eigentlich mehr drin sein. Und vor allem: Mehr dabei herauskommen. In der überregionalen Betrachtung spielt das immer noch eine große Rolle, werden die 19 Punkte und der zwölfte Platz darum eben auch mal als „Armutszeugnis für den VfL“ (Kicker) betrachtet. Das dicke Fell, das man angesichts solcher Stimmungslagen braucht, lassen sich die VfL-Verantwortungsträger wie Rebbe und Geschäftsführer Tim Schumacher gerade erfolgreich wachsen. „Die Niederlage in Köln“, so Schumacher, habe z war „ die Stimmung getrübt“, aber dennoch sei „unverkennbar, dass sich die Mannschaft deutlich weiterentwickelt hat.“ Und: „Martin Schmidt macht einen hervorragenden Job.“

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Schmidts Job wird in der Rückrunde auch darin bestehen, einen spannenden Konkurrenzkampf zu moderieren. In der Abwehr etwa wird Felix Uduokhai seinen Platz nicht freiwillig räumen, auch wenn mit John Anthony Brooks und Jeffrey Bruma die beiden ursprünglichen Stamm-Innenverteidiger wieder da sind. Im defensiven Mittelfeld darf Ignacio Camacho nach seiner Genesung Ansprüche anmelden, muss sich aber gegen Maximilian Arnold oder Josuha Guilavogui durchsetzen. Und vorn belebt Stuttgart-Rückkehrer Josip Brekalo den Konkurrenzkampf auf den Außenpositionen, wo dem VfL im alten Jahr viel zu oft Tempo und Durchsetzungskraft gefehlt haben. Dazu kommt, dass ganz vorn statt des klassischen Zielspielers Gomez jetzt der beweglichere Divock Origi spielt – was neue Möglichkeiten mit sich bringt, die aber einstudiert werden wollen. Und das war angesichts der Mini-Winterpause mit kurzem Trainingslager in Marbella nicht gerade leicht.

Kurze Winterpause: Der VfL in Marbella
Kurze Winterpause: Der VfL in Marbella

Der Auftakt in die zweite Saisonhälfte hat es mit dem Spiel in Dortmund zwar in sich, aber danach hält der Spielplan ein im Grunde dankbares Programm für den VfL Wolfsburg bereit. Denn weder Eintracht Frankfurt noch Hannover 96, der VfB Stuttgart oder Werder Bremen scheinen angesichts ihrer Hinrunden-Leistungen unbesiegbare Gegner zu sein. Und nach diesen ersten fünf Spielen (zwischendurch steht zusätzlich auch noch das Pokal-Viertelfinale an) wird man dann womöglich wissen oder zumindest ahnen, ob sich die größte VfL-Hoffnung in dieser Saison erfüllt. Nämlich die von Geschäftsführer Schumacher, nach der es „so weit nie wieder kommen darf“ wie in der vergangenen Saison, als Wolfsburg durch die Qualen der Relegation musste, um sich das 21. Jahr der Bundesliga-Zugehörigkeit zu sichern.

In Köln zeigte der VfL Fussball ohne Arbeit, der leiden Schaft

Eine sportlich ruhige Rückrunde hätte zudem den Vorteil, dass die anstehenden Veränderungen in der VfL-Führung ohne die Belastungen einer prekären Tabellensituation angegangen werden können. Nach dem Wechsel von Wolfgang Hotze in den Aufsichtsrat wird sich die Geschäftsführung neu sortieren, zudem wird die Einbindung von Ex-Rekordspieler Marcel Schäfer immer konkreter. Das neue und das vorhandene Führungspersonal wird dann definieren müssen, was der VfL in Zukunft eigentlich sein möchte: ein Bundesliga-Dauerbrenner, der sich über jeden Ausrutscher nach oben freut? Oder doch eher ein Spitzenteam der Liga, das Jahr für Jahr den Anspruch hat, europäisch dabei zu sein? Die Tendenz ist klar, denn die Vergangenheit zeigte immer wieder: Bei VfL-Eigner Volkswagen kann sich kaum jemand vorstellen, dass es auch Ziele unterhalb der internationalen Ebene geben könnte.

Dass der VfL Wolfsburg in der Lage sein kann, solche Ziele zumindest wieder anzustreben, dass für ihn wieder mehr drin ist als nur der Klassenerhalt, auch das muss er in dieser Rückrunde beweisen. Nicht nur theoretisch. Sondern vor allem praktisch.

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