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Home Sonderthemen Neues aus Gifhorn und Umgebung Mit einer Pferdestärke durch die Dörfer
00:00 19.10.2018
Doppelt ist schwieriger: Die 16-jährige Schülerin Svenja Bednatz ist ehrgeizig und möchte gern an Turnieren teilnehmen.

Fiaker gehören zum Wiener Stadtbild, Planwagen in die Heidelandschaft, aber sonst werden Pferdefuhrwerke heutzutage eher selten auf Straßen und Wegen gesichtet. Das könnte sich ändern, denn immer mehr Pferdefreunde finden Gefallen am Fahren mit der Kutsche. Doch das ist nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick aussieht. 



Ein Pferdegespann zu lenken ist Teamwork zwischen Mensch und Tier. Um das zu lernen, werden spezielle Lehrgänge angeboten, die die Grundkenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit dem Pferd und Gespann vermitteln und die mit einer Prüfung abgeschlossen werden – seit Juni 2017 sogar Pflicht in Form eines Kutschenführerscheins.

Seit Generationen bewährtes Regelwerk

Um das deutsche Fahrabzeichen zu erwerben, müssen die Prüflinge umfangreiches Wissen und Fähigkeiten nachweisen. Dafür werden sehr kompakte Lehrgänge mit anschließender theoretischer und praktischer Prüfung durchgeführt.


„Das Diakonische Werk führt bei uns sehr erfolgreich die Reittherapie mit behinderten Kindern durch. Es ist sehr schön, diese ganz besondere Harmonie zwischen Mensch und Tier zu erleben.“


Einer, der diese Kurse schon seit vielen Jahren anbietet, ist Jürgen Kolodinski. Auf seinem Reiterhof in Päse, der weit über die Landesgrenzen hinaus für seine Haflingerzucht bekannt ist, finden die 14-tägigen Crashkurse oder – alternativ – die über zwei Monate laufenden Ausbildungen statt.

„Grundlage für jeden Kutschfahrer ist bis heute das fast 100 Jahre alte Regelwerk von Benno von Achenbach, der vor dem 1. Weltkrieg Seiler des Fahrstalls im ‚Kaiserlichen Marstall‘ in Berlin war. Er prägte die drei Grundgedanken des Fahrsystems: Sicherheit, Pferdeschonung und Zweckmäßigkeit. Für uns steht also der Tierschutz an oberster Stelle. Die Pferde sollen keine Schmerzen haben und harmonisch mit dem Kutscher zusammenspielen“, fasst Kursusleiter Jürgen Kolodinski zusammen.



Viel Lernstoff bis zur Prüfung

Die Fahrausbildung beginnt mit dem Unterricht für den Basispass Pferdekunde – Voraussetzung für sämtliche Abzeichen im Pferdesport. Gelehrt werden grundlegende Kenntnisse zum Umgang mit Pferden, zur Ernährung, aber auch zur Psychologie.

Lehrmeister und Pferdeflüsterer: Jürgen Kolodinski schult die Prüflinge. 
Lehrmeister und Pferdeflüsterer: Jürgen Kolodinski schult die Prüflinge. 

Der eigentliche Fahrkurs vermittelt dann umfassendes Wissen zum Fahren mit Pferden im Straßenverkehr und Gelände und über die Geschirre, die richtige Leinenführung, zur Pferdekunde und Pferdehaltung. Außerdem wird alles über Sicherheit und Zweckmäßigkeit beim Umgang mit dem Gespann in allen Bereichen und Situationen und das Wissen zur korrekten Ausrüstung gelehrt. „Großen Raum nimmt natürlich der praktische Teil der Ausbildung ein. Dazu gehören das Vorbereiten des Gespanns zur Ausfahrt, sicheres Stehen und ruhiges gerades Anfahren – auch am Berg, das Fahren mit einer Hand, Trabstrecken von Punkt zu Punkt, Übungsfahrten innerhalb und außerhalb geschlossener Ortschaften, vorausschauendes Fahren im Straßenverkehr auf Landes- und Kreisstraßen“, nennt Jürgen Kolodinski einige Beispiele aus dem Praxisteil.

Präzision ist gefragt: Die 51-jährige Sabine Peitz aus Ettenbüttel lenkt das Gespann unter den kritischen Blicken der Prüfer auf der vorgeschriebenen Strecke. © Photowerk (4)
Präzision ist gefragt: Die 51-jährige Sabine Peitz aus Ettenbüttel lenkt das Gespann unter den kritischen Blicken der Prüfer auf der vorgeschriebenen Strecke. © Photowerk (4)

Krönender Abschluss der Ausbildung sind die bis zu drei Stunden dauernde theoretische und die halbstündige Fahrprüfung, denen die Prüflinge trotz bester Vorbereitung mit gemeischten Gefühlen entgegensehen. Jürgen Kolodinski, der im Hauptberuf an der Berufsbildenden Schule II in Wolfsburg unterrichtet, legt den einmal jährlichen Prüfungstermin vorzugsweise auf Mitte August, also ans Ende der Schulferien.

Große sportliche Ziele mit Gespann

Ob zwischen den Pylonen auf dem Päser Prüfungs-Parcours oder im regulären Straßenverkehr des Ortes, beim praktischen Teil der Kutschenführerschein-Prüfung ist höchste Konzentration gefordert.
Ob zwischen den Pylonen auf dem Päser Prüfungs-Parcours oder im regulären Straßenverkehr des Ortes, beim praktischen Teil der Kutschenführerschein-Prüfung ist höchste Konzentration gefordert.

Dieser Termin lag auch für Svenja Bednatz optimal. Die 16-jährige Schülerin aus Wahrenholz hatte somit viel Zeit, sich intensiv auf die Prüfung vorzubereiten, um dann mit dem Kutschenführerschein in der Tasche schon bald ehrgeizige Ziele zu verfolgen. „Mit fünf Jahren habe ich angefangen, auf meinem Shetlandpony zu reiten. Aber seit einiger Zeit interessiere ich mich ganz besonders für das Turnierfahren. Mein großes Ziel ist es, mit dem Gespann an einem Wettbewerb teilzunehmen“, schwärmt die junge Kutschfahrerin. Die letzte Hürde dafür hat sie mit dem Erwerb des Führerscheins genommen, nun kann sie mit dem Training beginnen. Nicht ganz so hoch hinaus möchte Sabine Peitz aus Ettenbüttel. „Ich möchte meinen beiden Shetlandponys mit dem kleinen Zweispänner genau die Beschäftigung und Bewegung geben, die sie brauchen, und die haben sie beim Kutschfahren optimal“, verrät die 51-Jährige nach ihrer bestandenen Prüfung.

Jürgen Kolodinski kann wieder einmal zufrieden auf das Ergebnis des diesjährigen Kursus blicken. Alle 14 Teilnehmer haben die Prüfung absolviert. „Wie immer wissen eigentlich alle, dass sie die Theorie und die Praxis beherrschen, und doch sind immer einige ein bisschen aufgeregt, wenn sie auf dem Fahrplatz den kritischen Blicken der beiden Prüfer, zwei gefragte Turnierrichter, ausgesetzt sind. Dann geben sich alle besonders Mühe, die vorgegebene Route einzuhalten und keine Pylonen umzufahren“, weiß der Lehrgangsleiter.

Für ihn ist das Kapitel Kutschenführerschein 2018 abgeschlossen, jetzt kann er sich wieder intensiver seiner Pferdezucht widmen. Aber er freut sich auch wieder auf weitere Gäste, die gerne seinen Reiterhof besuchen. „Das Diakonische Werk führt bei uns sehr erfolgreich die Reittherapie mit behinderten Kindern durch. Es ist sehr schön, diese ganz besondere Harmonie zwischen Mensch und Tier zu erleben“, erzählt er. Eine weitere von vielen überraschenden Aktionen auf dem Haflingerhof, auf dem die Arbeit nie auszugehen scheint. (jv)

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