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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben "Mit Schmadtke war ich bei der Bundeswehr"
15:01 21.08.2018

Interview: Jürgen Braun

Herr Helmer, mit dem Sport1-Doppelpass waren Sie unlängst öfter in Wolfsburg, aber als Spieler vor über 20 Jahren auch schon. Wissen Sie noch, wie Sie den VfL wahrgenommen haben, als der zum ersten Mal auf Ihrer Fußball- Landkarte auftauchte?

So ein bisschen. Ich habe ja auch noch im alten Stadion spielen dürfen. Spielen da die Frauen noch?


Nein, auch nicht mehr...

Da sieht man schon, wie lange das her ist. An alle Einzelheiten der Spiele kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber dass Roy Präger alle verrückt gemacht hat, weiß ich noch. Das sind so meine Erinnerungen als Spieler. Ansonsten ist Volkswagen ja immer noch Partner von Sport1 und war jahrelang Hauptsponsor des Doppelpass. Mindestens zweimal im Jahr durften wir nach Wolfsburg. Die Mannschaft war da oft im Hotel, man konnte mit den Spielern quatschen, es war sehr familiär. Das hat mir immer sehr gut gefallen.

Stichwort Erinnerung - da gibt es etwas, was nicht so lange her ist, aber was man vielleicht gern vergessen würde; die Weltmeisterschaft in Russland. Sie hatten kurz vor der WM gesagt, Sie freuen sich auf die K.o.-Spiele, in der Vorrunde sei es wie in der Vorrunde der Champions League, man wisse sowieso, wer weiterkomme...

Habe ich das gesagt? (schmunzelt) Wenn man jetzt guckt, wie ich jüngst beim Spiel mit den BVB-Allstars in Grömitz die Partie des HSV gegen Kiel getippt habe, da hat man gemerkt, dass nicht alles stimmt, was ich sage. Gott sei Dank.

Hat der deutsche WM-Auftritt Sie überrascht? Entsetzt?

Die Frage, die wir auch im Doppelpass vor der WM öfter diskutiert haben, war: Können das die 2014er noch mal, haben sie noch dieses Level und die Motivation? Ähnlich war es ja nach dem Titelgewinn 1990 bei der WM 1994. Man geht irgendwann auch mal runter, was ganz normal ist. Das war sicher einer der Gründe. Tja. Und drumherum... Verletzte, Quartier – ach, alles nicht so wichtig. Wenn es losgeht, wenn der Schiedsrichter anpfeift, sind wir sowieso immer da. Das war doch so ein wenig die Haltung, oder? Eigentlich war es ganz gut, dass es mal nicht funktioniert hat – dass man wieder sieht, man muss auch mehr tun. Zu leicht genommen wäre das falsche Wort. Aber man hat schon gedacht, wir kriegen das irgendwie hin, weil wir Qualität haben, Qualität bei jedem Einzelnen. Aber zum ersten Mal habe ich wieder festgestellt nach langer Zeit: Wenn die Mannschaft nicht als Mannschaft auf dem Platz ist, sie nicht funktioniert, und diesen Eindruck musste man irgendwann haben, dann hat man keine Chance heutzutage. Es muss ein Rädchen ins andere passen. Da gab es das eine oder andere Problem. Rennen können alle....


...und verteidigen auch. 

Man muss auch öfter aufs Tor schießen. Nicht auf der Torlinie noch mal quer spielen. Man muss die Chancen nutzen. Da muss ein Umdenken stattfinden.

Wo hat der letzte Kick gefehlt? Es klingt bei Ihnen an, das war eher bei den Älteren?

Die Älteren müssen die Jüngeren, Neuen mitnehmen, mit führen. Das hat nicht funktioniert. Die Älteren, Erfahrenen hatten mit sich selbst und ihrer eigenen Leistung genug Probleme. Und dann ist es auch mit der Akzeptanz sehr, sehr schwer.

Wie kann man gegen Mexiko eine ganze Halbzeit so offen spielen? Kann, ja muss das nicht die Mannschaft auf dem Platz lösen, viel früher abstellen?

Das habe ich mich auch gefragt. Und dazu: in drei Spielen immer eine schlechte erste Halbzeit. Das ist genau das. Wenn noch Mats Hummels nach dem Spiel sagt, die sind immer alleine auf mich zugelaufen, ja dann halte ich mir doch im ersten Spiel die Spieler, die hinten spielen sollten, schon auf dem Platz zurück. So etwas darf unserer Mannschaft mit so viel internationaler Erfahrung nicht passieren. Wenn du merkst, das klappt so nicht, musst du auf dem Platz reagieren. Lass‘ Jogi da draußen rumtoben, lass‘ dich hinterher beschimpfen - wenn es gut gegangen ist, passiert das sowieso nicht, und da hast du wenigstens was gemacht. 

Wie blicken Sie auf die Özil-Geschichte? Wird das Thema im Doppelpass noch öfter zum Tragen kommen?

Schwer zu sagen. Ich kann mich da immer auch auf meine Experten verlassen. Marcel Reif fand ich da zum Beispiel sehr klar in seiner Aussage: „Stell‘ dich einfach hin und entschuldige dich dafür!“ Dann wäre das Thema gegessen oder zumindest entschärft gewesen. Ich glaube, wir haben alle das gleiche Gefühl: Es gibt nur Verlierer. Das betrifft Mesut persönlich, aber auch den DFB, den DFB-Präsidenten und Oliver Bierhoff. Da wurden sehr, sehr viele Fehler gemacht. Auf beiden Seiten. Weil man offenbar nicht wusste, wie man mit dem Thema umgehen sollte. 

Mittendrin: Ex-Profi Thomas Helmer moderiert seit 2015 den Doppelpass.
Mittendrin: Ex-Profi Thomas Helmer moderiert seit 2015 den Doppelpass.


Der Videobeweis – bleibt der ein großes Thema?

Ich bin weiterhin für den Videobeweis. Den hätte ich mir damals schon gewünscht. Beim Spiel Bremen gegen Dortmund in der vergangenen Saison habe ich mit dem damaligen Schiedsrichter Osmers, der ja aus Bremen kommt, das ganze Thema noch mal besprochen. Wir haben noch mal drüber gelacht, ein Bierchen getrunken, Spaß gehabt, dann war es auch gut.

Wolfsburg kann in München nicht gewinnen, kann in der Bundesliga noch ein anderer Meister werden als die Bayern?

Nein, eigentlich kann keiner die Bayern von Platz eins runterholen. Sie leiten langsam einen Umbruch ein, machen das ganz dezent. Es macht keinen schlechteren Eindruck als vergangene Saison. Der neue Trainer hat gute Ideen, ich halte Niko Kovac für konsequent und gut. Und er wird sich nicht von Lewandowski auf der Nase herumtanzen lassen. Für die anderen Klubs geht es wieder um die Plätze, zwei, drei und vier.


Und das sind Ihr anderer langjähriger Ex-Verein Dortmund und wer noch?
 
Ja, die haben einen Stürmer geholt, da hatten sie eine Schwachstelle, Schalke ist stabil, Leverkusen auch. Ich erwarte dahinter die üblichen Verdächtigen – auch Hoffenheim. Julian Nagelsmann hat gesagt, er setze sich immer die höchsten Ziele. Na, dann komm. Aber grundsätzlich hat er Recht.
 
Wie beurteilen Sie die Bundesliga? Kölns Sportdirektor Armin Veh hat gesagt, die Bundesliga sei vergangene Saison schlecht gewesen... 

Ganz schlecht will ich sie nicht reden. Aber die beste Liga ist sie nicht mehr. Das wäre Augenwischerei. Andererseits ist der Zuspruch noch riesengroß. Die Leute freuen sich auf die Bundesliga. Aber was immer schwieriger wird für die Bundesliga, ist, dass wir keine großen, internationalen Stars mehr haben mit ganz wenigen Ausnahmen – besonders, wenn Robben und Ribéry mal aufhören. Die anderen großen Stars spielen im Ausland. 

Oder wenn sie gerade ein Star geworden sind, sind sie weg... 

Ja. Und sind wir dann noch in der Lage, international mitzuhalten? Das wird eine große Aufgabe, eine große Herausforderung. Wobei ich glaube, dafür ist die WM vielleicht gar nicht so schlecht gewesen. Nämlich dafür, dass jetzt ein Umdenken stattfindet. Was müssen wir alles ändern? Auch Basics, Fannähe etwa. Man hat das ja bei der WM gesehen: Wo sonst alles gesteuert ist, wirkte man hilflos, als die Krise kam. Interessant: Die Bayern etwa machen auf einmal drei Tage öffentliches Training. 



Was trauen Sie dem VfL in der neuen Saison zu? Was halten Sie vom neuen Manager Jörg Schmadtke?


Von Jörg halte ich sehr, sehr viel – nicht nur, weil wir zusammen bei der Bundeswehr waren (lacht).

Ach, was haben Sie da gemacht außer Fußball?
 

Was man so macht. Grundausbildung, durchs Gelände robben, am Schießstand waren wir auch mal zusammen. Da haben wir uns kaputtgelacht. Gewehrreinigen wollte er nicht so richtig. Jörg hat ein sehr gutes Netzwerk, hat ein gutes Auge, haut auch dazwischen, wenn was nicht passt. Ich mag seine Art, seinen Arbeitsstil. Aber das Image des VfL ist verbesserungswürdig – auch das der Mannschaft, mit vielen, für die Fans unbekannten Gesichtern. 

53 Jahre alt, stammt aus Herford , begann seine Profi-Karriere 1984 bei Arminia Bielefeld, absolvierte danach jeweils knapp 200 Bundesliga-Spiele für Borussia Dortmund und Bayern München, danach folgten noch ein paar Partien für den FC Sunderland und Hertha BSC. Helmer absolvierte 68 A-Länder- Spiele (5 Tore ), wurde mit Deutschland 1996 Europameister. 2002 war er bei der WM Reporter für Sat 1, von 2009 bis 2013 moderierte er Hattrick - Die 2. Bundesliga und die Spieltaganalyse für Sport 1, ab 2011 war er für den Doppelpass, die sonntägliche Kultsendung des Senders, als Experte und Vertretungsmoderator im Einsatz, seit 2015 moderiert er ihn ständig als Nachfolger von Jörg Wontorra.


Kommt der VfL wieder auf die Beine, oder droht da Ähnliches wie dem HSV. Ein paar Jahre unten, zweimal Relegation – und auf einmal weg...?

Ich glaube, die Entwicklung ist gefährlich, aber was ich eben schon angedeutet habe – es ging nach dem DFB-Pokalsieg in die falsche Richtung in Wolfsburg. Wenn der VfL so weitermacht, warum soll es ihm dann nicht so gehen wie dem HSV? Mit der größten Aufgabe wird es aber sein, die Außendarstellung wieder positiver hinzubekommen.

Rechnen Sie mit Schmadtke mal im Doppelpass als Gast?

Auf jeden Fall kommt er, wenn wir ihn einladen – egal, wie der Tabellenstand ist. Auch dafür schätze ich ihn. Er kommt auch, wenn es nicht laufen sollte. 

Uli Hoeneß hatten Sie noch nie als Gast, hätten Sie aber gern, haben Sie mal angedeutet.

Na ja, ich werde mich mal mit ihm am Tegernsee treffen, dann werden wir das besprechen. Aber mal Spaß beiseite: Es gibt auch viele andere interessante Gäste. Bastian Schweinsteiger, wenn er mal seine Karriere beendet hat, Jogi Löw hätte ich gerne mal da. Ich würde ihn gerne fragen, was er sich bei der Aufstellung im WM-Spiel gegen Südkorea gedacht hat. Was mir gefällt: Es kommen immer mehr Spieler zu uns in den Doppelpass. Früher haben mehr gesagt: ’Oh zweieinhalb Stunden mit Journalisten im Studio, das traue ich mich nicht.’ Hauptsache, sie bringen eine eigene Meinung mit, das ist das Wichtigste. Die Leute merken genau, ob einer authentisch ist.

Sie leben in Hamburg, auch in unserer Region gibt es HSV-Fans. Kommt der HSV wieder hoch?

Ja. Es wird hart. Aber: Ja.

Sie sind in einigen Charity-Projekten aktiv, die bedeuten Ihnen was, oder?

Ja, da gibt es einige. Sternenbrücke etwa. Mit den BVB-Allstars ging es in Grömitz für die Kinderkrebshilfe. Projekte für Kinder liegen mir und meiner Frau sehr am Herzen.

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