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Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus WolfsburgWolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg

Wolfsburg
15:33 01.09.2021
Fotos: Dirk Gildemann

Was für die Menschen aus Vorsfelde schon lange ein Highlight ist, könnte für andere noch ein Geheimtipp sein: das Naturschutzgebiet Drömling. „Der Drömling ist ein wunderbares Ausflugsziel für Fahrradtouren und Spaziergänge. Und er ist für die Region auf längere Sicht schlicht überlebenswichtig“, sagt Michael Kühn, Erster Vorsitzende des Naturschutzbund (Nabu) Wolfsburg. Das Niedermoor fungiere als Wasserspeicher und als eine Art Klimaanlage für Stadt und Umland.

Die 340 Quadratkilometer große Feuchtlandschaft erstreckt sich über zwei Bundesländer, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. „Land der 1000 Gräben“ wird der Drömling auch genannt, aus historischen Gründen. „Vor 150 Jahren hat man hier viele Gräben gezogen, um das Wasser aus dem Moor zu ziehen, damit es bebaut und bewirtschaftet werden konnte“, erzählt Kühn. Der Aushub wurde auf Dämme aufgeschüttet, die heute vielen Pflanzen und Tieren eine Heimat bieten. Statt Äcker sind heute aber vor allem Wiesen, Hecken und grüne Wildnis im Drömling zu sehen. „Aus Naturschutzgründen darf nicht alles betreten werden, aber über die Radwege kann man sich das Gebiet erschließen und durch wunderbare Natur bis nach Sachsen-Anhalt radeln.“

Zwischenstopp für Kraniche.
Zwischenstopp für Kraniche.

Niedermoor mit Mehrwert

Wasser gibt es im Drömling wieder in Massen. Das ist auch ausdrücklich erwünscht, denn nur nasse Moore helfen beim Klimaschutz (s. Textkasten). Und sie bieten Platz für seltene Tiere und Pflanzen. „Die Artenvielfalt ist riesig“, sagt Kühn. Im Drömling seien Biber und Fischotter zu Hause, auch viele Amphibien, Insekten, seltene Libellenarten zum Beispiel, und Vögel, etwa Seeadler und Störche. „Für Zugvögel ist der Drömling so etwas wie eine Autobahnraststätte für Urlauber. Hier pausieren sie, tanken Energie und Nahrung. Im Frühling und im Herbst ist hier richtig was los“, erzählt der Nabu-Experte. Je größer die Artenvielfalt, desto besser kann sich die Natur zum Beispiel auch an den Klimawandel anpassen. Davon profitieren auch die Menschen.

Die Aller: Lebensader aus Wasser.
Die Aller: Lebensader aus Wasser.

Wertvoller Wasserspeicher

Hinzu kommt: Gräben, Flüsse und Bäche im Drömling ergeben zusammen 1725 Kilometer Wasserwege, was in etwa der Strecke von Wolfsburg nach Rom entspricht. Sie können helfen, den Wasserhaushalt in der Region zu regulieren. „Der Drömling fungiert als riesiger Wasserspeicher. Bei Starkregen kann er viel aufnehmen und in Dürrezeiten auch wieder hergeben. Das wird künftig wegen des Klimawandels immer wichtiger werden“, betont Kühn. Schon in den letzten Jahren sei der Grundwasserpegel unter Wolfsburg dramatisch gesunken. Dabei ist der Drömling auch für die Trinkwasserversorgung wichtig. Das Wasserwerk Rühen im Landkreis Gifhorn zum Beispiel bezieht Trinkwasser aus diesem Gebiet. Auch der Einfluss des Naturschutzgebiets auf das lokale Klima darf laut Kühn nicht unterschätzt werden. Der Drömling kühlt die Region über die Bäume und über das Wasser, das in ihm steckt. Wie erfrischend es ist, wenn Wasser verdampft, was Physiker Verdunstungskälte nennen, weiß jeder, der schon einem nass aus einem Badesee gestiegen ist.

Häufiger Gast: Der Storch.
Häufiger Gast: Der Storch.

Wie eine Klimaanlage

„Dass Wolfsburg gute Chancen hat, sich an den Klimawandel anzupassen, ist nicht zuletzt dem Drömling zu verdanken“, sagt der Nabu-Experte. Auch das kleinere Naturschutzgebiet „Barnbruch“ am anderen Ende der Stadt könne dazu einen Beitrag leisten. „Wolfsburg hat sozusagen rechts und links, im Osten und im Westen, eine Klimaanlage. Das kann nicht jede Stadt von sich behaupten“, betont Kühn. Um die positiven Effekte zu steigern, sollten diese Naturräume nicht nur bestmöglich geschützt, sondern auch verbunden werden. „Die Tiere, etwa der Biber, nutzen die Aller als eine Art Wasserautobahn zwischen den Gebieten, aber es bräuchte auch noch eine grüne Landverbindung über Gehölzstreifen oder Ähnliches. Dann würde sich der Nutzen für die Artenvielfalt und für uns Menschen noch erhöhen.“

Internationales Interesse

Die Bedeutung des Drömlings für die Biodiversität übrigens wurde von internationaler Stelle schon offiziell bescheinigt und das Teilgebiet in Sachsen-Anhalt 2019 zum UNESCO Biosphärenreservat erklärt. Das Nachbarbundesland sei beim Beantragen schlicht schneller gewesen, erklärt Kühn. „Das ist aber im Grunde der einzige Unterschied. Ich bin jedenfalls optimistisch, dass auch der Antrag für den niedersächsischen Drömling bei Vorsfelde schon bald Erfolg haben wird.“ (aho) 

Rimpau’sche Moordammkultur


Im Jahr 1770 befahl Friedrich II., das Gebiet des heutigen Drömlings zu entwässern. Umgesetzt wurde der Befehl nach einer Methode, die der Braunschweiger Landwirt Theodor Hermann Rimpau entwickelt hatte und die noch heute seinen Namen trägt: „Rimpau’sche Moordammkultur“. Alle 25 Meter huben Arbeiter ein bis zwei Meter tiefe und bis zu fünf Meter breite Gräben aus und schichteten den Aushub daneben zu Dämmen auf. In den Gräben sammelte sich das Wasser und verdunstete. Heute ist klar: Das Trockenlegen von Mooren ist ausgesprochen klimaschädlich. Denn ohne schützende Wasserschicht entweicht im Moorboden gespeicherter Kohlenstoff als Kohlendioxid.

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