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Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Renato Steffen vom VfL Wolfsburg: Ich hatte eine grosse Klappe
07:23 16.09.2020

Sie sind gelernter Maler und Lackierer und sind vor ein paar Wochen mit Ihrer Familie nach Brackstedt gezogen – haben Sie die Wände vor dem Umzug selbst gestrichen?

Nein (lacht), weil sie noch so gut erhalten waren. Da musste ich nicht viel machen.

Wie gut können Sie noch malern?

Sehr gut. Ich merke immer: Wenn ich etwas mache, kommt in mir der Perfektionist durch. Ich bin detailverliebt. Und wenn etwas am Ende nicht gut ist, weiß ich, wer schuld ist... 

Deutsches Rotes Kreuz, Kreisverband Gifhorn e. V.

Sind Sie Malermeister?

Nein, meinen Meister habe ich nicht gemacht, aber eine Weiterbildung zum Baustellenleiter.


Warum wollten Sie Maler werden?

Das war eher Zufall. Ein Kumpel von mir hat in einem Malerbetrieb zur Probe gearbeitet. Er hat mir dann davon erzählt, wie es so war. Ich selbst habe immer schon gern etwas mit meinen Händen gemacht – und dann habe ich mich da auch beworben.

Und es hat Ihnen auf Anhieb gefallen?

Malern hat mit Kreativität zu tun, man macht jeden Tag etwas anderes. Ich wusste sofort: Das will ich machen. Mit 15 habe ich die Lehre angefangen, mit 18 war ich fertig. Ich bin jeden Tag mit meinem Mofa zur Arbeit gefahren, diese Jahre waren wirklich top.

Haben Sie damals von einem eigenen Malerbetrieb geträumt?

Nicht wirklich. In der Schweiz braucht man einen Meisterbrief, um sich selbstständig machen zu können. Da wären noch ein paar Schulungen notwendig gewesen. Ich wollte auch nicht zwingend mein eigener Chef sein, sondern eher einer, der losgeht und Aufträge heranholt oder Angebote erstellt. Aber das hat sich dann im Sand verlaufen...


"Ich habe den Fußball schon als kleiner Junge geliebt. Als ich in Aarau aus der Akademie rausgeflogen bin, war für mich in diesem Moment eine Welt zusammengebrochen."


...weil Sie irgendwann gemerkt haben, dass es im Fußball für Sie doch für mehr reicht. Wann war das?

Das weiß ich nicht mehr ganz genau. Ich habe den Fußball schon als kleiner Junge geliebt. Nach der Schule habe ich mir erst mal den Ball geschnappt. Als ich mit 15 in Aarau aus der Akademie geflogen und in den Breiten-Fußball gegangen bin, war dieser Gedanke, dass es im Fußball für mich mal zu mehr reichen könnte, ganz weit weg. Für mich war in diesem Moment eine Welt zusammengebrochen.

Es heißt, sie wären damals undiszipliniert gewesen...

Das stimmt nicht. Der technische Direktor hat das damals behauptet, ich weiß bis heute nicht, was er meinte. Ich hatte vielleicht ein paar Flausen im Kopf, aber es war nicht so, dass ich dauernd Rote Karten gesehen habe oder so. Es gab sicher talentiertere Spieler, ich war immer ein bisschen hinten dran. Vielleicht lag es daran. Man muss mir halt die Zeit geben, aber die habe ich damals nicht bekommen.


Sie sind dann zum unterklassigen Klub SC Schöftland gewechselt.

Da gab es in den Spielen ab und an mal Rot. Ich musste das mit Aarau verarbeiten, war frustriert und wollte mit dem Fußball aufhören.

Wer hat Sie davon abgehalten?

Meine Mutter. Ich habe ihr gesagt, ich habe keine Lust mehr auf Fußball, aber sie hat gesagt: Du machst das jetzt schon so lange, ich kann mir dich ohne Fußball nicht vorstellen. Daraufhin habe ich mich noch mal aufgerafft.

Wie ist das heute, wenn Sie mit Ihrer Mutter über den Moment von damals reden?

Wir lachen darüber.

Sind Sie Ihrer Mutter dankbar, dass sie Sie damals umgestimmt hat?

Natürlich, aber in dem Moment habe ich nicht so richtig begriffen, was sie zu mir alles gesagt hat. Jetzt weiß ich es und bin ihr sehr dankbar dafür. Sie wusste halt, was mir der Fußball schon damals bedeutet hat.


"Oben habe ich mir die Hände meines Großvaters stechen lassen, dann eine Figur mit einer Uhr. Das soll mir zeigen, dass das Leben schnell vorbei sein kann. Jedes Tattoo hat halt eine Bedeutung für mich."


Wie schwer war es, sich nach dem Aus in Aarau wieder nach oben arbeiten zu müssen?

Das ging eigentlich ganz gut. Meine Zeit in Schöftland hat mir da geholfen. Ich musste mich auf dem Platz gegen größere und ältere Jungs durchsetzen. Damals habe ich gedacht: Es könnte immer noch für mehr reichen im Fußball, aber ich wusste auch: Ich muss noch mehr arbeiten.


Nach vier Jahren Schöftland ging es zum FC Solothurn, zu einem Drittligisten...

...und da hat mich der Trainer gleich am Anfang beiseite genommen und hat mir gesagt: Ich glaube, du kannst es noch mal zu einem höherklassigen Klub schaffen, aber wir müssen ein bisschen an deiner Aggressivität arbeiten.

Waren Sie denn als Jugendlicher auf dem Platz zu wild?

Manchmal hatte ich meine Emotionen nicht ganz im Griff. Es gehörte zu meinem Spiel, den Gegner mal ein bisschen zu nerven.

Wie haben Sie das gemacht?

Hier und da mal ein Spruch (grinst) – und ab und an bin ich dem Gegenspieler auf den Fuß gestiegen...

Woher kommt diese griffige und giftige Art – liegt das daran, dass Sie meist der Kleinste auf dem Platz waren?

Ja, das ist so (lacht). Das war schon zu Schulzeiten so. Ich war immer der Kleinste. Und ich hatte früher eine große Klappe – das kam nicht so gut an. Deshalb hatte ich immer mal wieder Probleme in der Schule.


"Pitbull ist für mich keine Beleidigung. Ich bin auf dem Platz aggressiv, ich bin ein Kämpfer. Wenn ich den Ball unbedingt haben möchte, dann tue ich alles dafür, ihn zu bekommen."


Sehen Sie sich als Vorbild für die vielen Talente, die es als Jugendliche nicht in die Nachwuchsleistungszentren schaffen, aber dennoch den Traum vom Profifußball leben?

Natürlich möchte ich gern als Vorbild dienen, aber man muss wissen, dass der Weg, den du dann gehen musst, noch steiniger ist als er ohnehin schon ist. Man muss noch disziplinierter sein, muss noch härter arbeiten. Das muss man wissen. In meiner Malerlehre habe ich mal zu den Kollegen gesagt, dass ich Profi werden möchte.


Und wie war die Reaktion?

Sie haben gelächelt und gesagt: Du bist jetzt 18 Jahre alt, der Zug ist schon abgefahren. Daraufhin habe ich meine Pläne mehr und mehr für mich behalten, habe hart gearbeitet und mir selbst gesagt: Alle, die mich schon abgeschrieben haben, denen werde ich es irgendwann mal zeigen. Und das habe ich geschafft.

Früher sollen Sie gern mal mit Ihren Teamkollegen um die Häuser gezogen sein – sind Sie heute immer noch ein Feierbiest? Oder genießen Sie diese Abende nun anders?

Wenn ich mal mit den Kollegen losziehe, dann kann es schon mal krachen, weil es eben nicht alltäglich ist, dass du als Profi feiern gehen kannst. Aber früher war das trotzdem anders als heute. Mittlerweile genieße ich das anders. Es ist jetzt nicht mehr so, dass ich am nächsten Morgen kaum aus dem Bett komme. Ich habe mehr Verantwortung im Leben, ich habe eine Familie, die ich über alles liebe.

Wer waren als Jugendlicher Ihre Vorbilder im Fußball?

Früher war das David Beckham.


"Der VfL war der passende Verein für mich. Für mich ist das ein großer Klub."


Warum er?

Weil er damals bei Manchester United gespielt hat. Das war für mich als Jugendlicher der Verein schlechthin.

Ist das immer noch Ihr Lieblingsklub?

Ja, daran hat sich nichts geändert.


Was mögen Sie so sehr an Manchester United?

Früher waren es die Spieler. Neben Beckham, Paul Scholes, Nemanja Vidić, die da so gespielt haben, das Stadion, der Klub an sich einfach, die Fans. Sie lieben diesen Klub. Ich durfte mit dem FC Basel schon gegen United spielen, das hatte schon was. Egal, wie du spielst – wenn dein Einsatz stimmt, stehen die Leute bedingungslos hinter dir. So etwas mag ich.

Als Sie mit Basel da gespielt haben, war Beckham nicht mehr da – haben Sie ihn jemals persönlich getroffen?

Leider nicht.

Was werden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn mal treffen sollten?

Puh, das weiß ich nicht. Ich bin in solchen Momenten dann eher zurückhaltend. Aber wenn ich gegen ihn hätte spielen dürfen, hätte ich ihn sicher gefragt, ob ich sein Trikot bekomme.

In der Schweiz wurden Sie gern „Chiuwi“ genannt, die Kurzform für Chihuahua, der kleinsten Hunderasse der Welt – ist das beim VfL auch so?

Nein, zum Glück nicht (grinst). Die Jungs haben das zwar mal aufgeschnappt, mehr aber nicht.

Haben Sie denn einen Spitznamen beim VfL?

Manchmal sagen Sie Pitbull zu mir, weil ich klein, kompakt und aggressiv bin.


"Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich meine Spielweise in Wolfsburg zeigen konnte. Aber in der Rückrunde habe ich das gezeigt. So, dass man sagen kann: Das ist Renato!"


Und wie finden Sie das?

Für mich ist das keine Beleidigung. Ich bin auf dem Platz aggressiv, ich bin ein Kämpfer. Wenn ich den Ball unbedingt haben möchte, dann tue ich alles dafür, ihn zu bekommen.

Wie war der Moment, als Sie zum ersten Mal in die Nationalelf berufen worden sind?

Das war im Oktober 2015, damals war ich noch bei Young Boys Bern. Und als mir das damals mitgeteilt wurde, habe ich in der Kabine vor Freude geschrien. Das war eine Genugtuung.

Sie können ganz gut singen, woher rührt dieses Talent?

Ich weiß es nicht, das war schon zu Schulzeiten so. In der Schule habe ich im Chor gesungen und hatte Gesangsunterricht. Das hat mir immer Spaß gemacht.

Wout Weghorst kann auch ganz gut singen – wer ist der bessere Sänger?

Es kommt ein bisschen auf die Lieder an, aber insgesamt ist der Wout schon besser.

Spielen Sie ein Instrument?

Leider nicht, ich wollte eigentlich schon zu Zeiten beim FC Basel mit dem Klavierspielen anfangen, weil ich das extrem entspannend finde. Aber ich habe es bis heute nicht geschafft, es bleibt aber ein Ziel von mir.

Sie sind ja gerade in ein größeres Haus umgezogen...

Ja, der Platz wäre jetzt da. Aber momentan bin ich voll und ganz mit dem Kleinen beschäftigt. Unser Junge ist gerade zwei Jahre alt geworden, es ist eine spannende Zeit, die wir da erleben.

Sie haben viele Tattoos auf dem rechten Arm.

Ja, der ist komplett tätowiert. Oben habe ich mir die Hände meines Großvaters stechen lassen, dann eine Figur mit einer Uhr. Das soll mir zeigen, dass das Leben schnell vorbei sein kann. Dann eine Friedenstaube, dazu ein paar Sprüche und Pokerkarten, weil ich ein bisschen ein Zocker bin. Dazu noch eine Rose, die Lieblingsblume meiner Mutter. Und auf dem Oberschenkel haben meine Frau und ich das gleiche Tattoo. Jedes Tattoo hat halt eine Bedeutung für mich.

Wann haben Sie sich das erste stechen lassen?

Mit 18, ich weiß es noch ganz gut, weil meine Mutter damals mitgekommen ist.

Werden noch weitere dazukommen?

Ja, ich möchte mir noch eines für meinen Sohn stechen lassen. Ich habe da auch schon ein paar Ideen, aber noch habe ich mich nicht entschieden, wie es genau ausschauen soll.

Sie haben mal gesagt, Sie wollen im Ausland bei einem großen Verein spielen? Hat sich dieser Wunsch im Januar 2018, als Sie zum VfL gewechselt sind, bereits erfüllt?

Ja! Ich wusste ja, dass hier schon viele Spieler aus der Schweiz waren. Und ich wusste, welche Erfolge der VfL in der Vergangenheit so hatte. Ich habe immer gesagt: Ich gehe nicht zu einem Verein im Ausland, um sagen zu können, dass ich im Ausland spiele. Es musste alles für meine Spielweise passen. Und der VfL war dann der passende Verein für mich. Für mich ist das ein großer Klub, deshalb habe ich damals auch nicht lange überlegt, als die Anfrage kam.

Klingt so, als ob Sie Ihrem Berater mal in einem Gespräch gesagt hätten: Wenn der VfL Wolfsburg mal fragen sollte, dann mache ich das auf jeden Fall...

So war es jetzt nicht ganz. Ich habe mich mal gefragt, welche Liga für mich spannend ist, da war die Bundesliga dabei, die Premier League ebenfalls. Ich glaube, ich kann mein Leistungsvermögen ganz gut einschätzen. Ich weiß, dass Bayern und Dortmund, um jetzt mal zwei Top-Vereine in Deutschland zu nennen, für mich weit weg sind.

Sie sind in der Rückrunde der vergangenen Saison durchgestartet, haben sechs Treffer erzielt und drei vorbereitet – VfL-Manager Jörg Schmadtke sagte jüngst, Sie hätten das auch deshalb geschafft, weil Sie sich in Wolfsburg so wohl fühlen. Was gefällt Ihnen an Wolfsburg?

Ich vergleiche Wolfsburg mit meiner Heimat in der Schweiz. Du hast hier ein ruhiges Leben, die Leute sind sehr freundlich. Meine Frau hat hier Freunde gefunden. Wir sind gerade nach Brackstedt gezogen, aber unsere Nachbarn haben uns gleich gut aufgenommen. Das sind für mich schon entscheidende Dinge, um sich wohlfühlen zu können.

Nach Platz sieben in der vergangenen Saison – wo wollen Sie mit dem VfL in der neuen Spielzeit hin?

Es wäre zunächst mal schön, wenn wir es erneut in die Gruppenphase der Europa League schaffen könnten. Und etwas weiter gedacht: Es wäre schön, wenn wir hier alle miteinander noch mal die Champions-League-Sterne in der Arena sehen könnten. Das wäre top. Aber da muss schon viel passen. Gut wäre es, wenn wir uns weiter stabilisieren und erneut um die Europa League spielen können.

Und wie lauten Ihre persönlichen Ziele? Es gibt nicht wenige, die sagen, an den Leistungen in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit müssen Sie sich jetzt messen lassen...

Das kann man gern so sehen. Ich mache mir ja selbst Druck. Und ich glaube, man hat mich wegen dieser Spielweise ja auch geholt. Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich das in Wolfsburg zeigen konnte. Aber in der Rückrunde habe ich das gezeigt. So, dass man sagen kann: Das ist Renato!

Renato Steffen

ist mit seinen 1,70 Metern der kleinste Spieler im VfL-Kader, aber der Flügelkämpfer hat in der Rückrunde ganz groß aufgespielt! Sechs Tore und drei Assists hat der schweizerische Nationalspieler auf seinem Konto in der Liga stehen - und das hat Steffen alles in der Rückrunde geschafft. Das 4:0 gegen Mainz, als ihm ein Doppelpack gelungen war, war sein bestes Spiel. Engelbert Hensel sprach mit dem Flügelflitzer über seinen Weg ins Profigeschäft.

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