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Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus WolfsburgWolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg

Home Sonderthemen Neues aus Wolfsburg und Umgebung Romantiker mit Bodenhaftung
11:34 14.09.2018
Foto: istockphoto.com/MarsBars

Die britische Reggae-Band UB40, die niederländischen Folk-Rocker Bots, Depeche Mode und viele andere haben sie eingesetzt: die Melodica. In den Händen des achtjährigen Christian Biskup diente sie, wie bei Millionen Kindern vor und nach ihm, als Einstiegsinstrument, um mit dem Musizieren vertraut zu werden. Was in der Regel – weil nicht jedermanns Klang – als preiswertes Scheitern endet, war für den jungen Bokensdorfer der Beginn einer großen Leidenschaft. Nach einem Schlenker übers Akkordeon begann Christian Biskup als Zwölfjähriger mit einer Klavierausbildung. Schnell war sein Talent entdeckt. Mit 14 Jahren gewann er seinen ersten Wettbewerb an der Musikschule Wolfsburg, zahlreiche Auftritte über „Jugend musiziert“ in den Landkreisen Gifhorn und Helmstedt sowie Wolfsburg folgten. Konzerte blieben auch fester Bestandteil seines Lebens, als er 2015 in Braunschweig mit einem Lehramtsstudium der Fächer Musik und Deutsch begann. Dabei suchte er musikalisch immer neue Herausforderungen. So trat er im Duo mit der Sopranistin Christiane Wiggers-Voellm und dem Bariton Jesper Mikkelsen in der Konstellation Klavier und Gesang auf und Klavier und Oboe mit der Osloßerin Jasmin Werner.



AUF SCHATZSUCHE IN SKANDINAVIEN

Noch relativ unbekannt für viele Freunde klassischer Konzertabende in der Region waren anfangs nicht nur die Namen der Interpreten, sondern auch der Komponisten, die sie spielten und sangen. „Ich hatte während meines Au-pair-Aufenthalts in Schweden oft die Gelegenheit, mich mit klassischen skandinavischen Komponisten zu befassen, und habe dabei viele musika- lische Schätze entdeckt, zum Beispiel aus dem Werk des Dänen Ludolf Nielsen. Diese Musik, die stilistisch zum Teil der Spätromantik zugeordnet werden kann und mit- unter wie bei Edvard Grieg Motive aus der Volksmusik aufgreift, kommt bei unserem Publikum sehr gut an“, erzählt Christian Biskup. Aufgrund der großen Bandbreite der Kompositionen entwickelte der junge Musiker einen ganzen Konzertzyklus. Unter dem Titel „Musikalische Nordlichter“ trat Christian Biskup mit einem Bariton in Hamburg, Hannover und Wolfsburg auf, bei den „Polarlichter“-Auftritten in Hannover, Jembke und Vorsfelde spielte er zusammen mit Sopran und Violine, bei der „Music from the British Islands“ mit Sopran, Violine und Cello.

KÖNIGIN DER INSTRUMENTE

Pianisten mit einer Vorliebe für die Epo- che zwischen Romantik und der Moderne wissen natürlich, dass sich ein Teil der Konzertliteratur aus dieser Zeit trefflich auf der Orgel, der Königin der Instrumente, spielen lässt oder sogar speziell dafür komponiert wurde. Christian Biskup konnte der Versuchung nicht widerstehen und machte seine ersten Gehversuche an der Orgel in der Wolfsburger St.-Marien- Kirche. In seiner Göteborger Zeit ließ er sich von einem Organisten unterrichten, erweiterte, zurück in Deutschland, sein Repertoire, wird heute gerufen, unter anderem Musikandachten an der Orgel zu begleiten, und verzaubert sein Publikum an der großen romantisch-sinfonischen Furtwängler-Orgel im Dom zu Königslutter. Wer weiß, was Musikmachen aus Leiden- schaft bedeutet, versteht die Suche nach neuen Herausforderungen. Als der Chor Concordia Jembke, den Christian Biskup als Pianist begleitete, einen neuen Chorleiter suchte, zögerte er nicht lange. Er verpasste dem Repertoire einen Frischekick und schaffte es im vergangenen Jahr, die Mitgliederzahl mit dem Projekt „Concordia Jembke goes Musical“ von unter 30 auf 50 anwachsen zu lassen. Frischer Wind wehte 2017 auch im Männerchor Fallersleben-Sülfeld-Ehmen, den Christian Biskup fortan leiten sollte. Mit Begeisterung ließen es sich die zwischen 60 und 90 Lebensjahren alten Herren gefallen, weniger altes deutsches Liedgut und mehr Reinhard Mey und Udo Jürgens zu singen. Inspiration und noch mehr Freude am gemeinschaftlichen Gesang wünscht sich auch ein gemischter Chor in Heiligendorf, dessen Leitung der Bokensdorfer im September 2018 übernimmt.

ZART BESAITETES PAAR

Neben dem Studium Auftritte als Solopianist, mit verschiedenen Mini-Kammermusikensembles und mit drei Chören – das erfordert schon ein gutes Zeitmanagement. Und dann fügte es sich noch, dass er die Harfenistin Finnja Bronold kennenlernte. Die Studentin der Umweltwissenschaft brillierte mit ihrem Harfen- spiel schon bei „Jugend musiziert“ auf Landesebene mit einem ersten Platz – in der Kategorie Saiteninstrumente. „Bei uns reifte sehr schnell die Idee, Klavier- und Harfensaiten miteinander zu vereinen. Wir arrangierten Stücke von unseren Lieblingskomponisten der Spätromantik wie Ravel und Debussy kurzerhand auf unsere beiden Instrumente um und stellten ein Programm zusammen. Damit sind wir zum Beispiel schon im Wolfsburger Planetarium unter dem Titel ‚Musik unter Sternen‘ auf- getreten“, erzählt Christian Biskup und freut sich, dass die beiden nicht nur musikalisch, sondern auch privat ein festes Duo sind. Viele musikalische Klangfarben, die da im Kopf und im Herzen eines Musikers zusammenkommen. Und so wundert es nicht, dass er sich einen Ort der Ruhe sucht, der frei macht vom Gewirr aus Stimmen und Instrumenten. „Schon in meiner Kindheit war ich gern an den kleinen Baggerseen in Bokensdorf, die in einem Zipfel der Südheide liegen. Wo ich früher gespielt habe, genieße ich heute die Stille der Natur“, schwärmt Christian Biskup. So gestärkt, kann es wieder ins heimische Musikzimmer gehen, um an neuen Ideen zu arbeiten. (jv)

Zwei Spätromantiker haben sich gefunden: Der Pianist Christian Biskup und die Harfenistin Finnja Bronold lieben die Musik des ausklingenden 19. Jahrhunderts und treten gemeinsam damit auf.


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