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Home Sonderthemen Feste/Veranstaltungen Was es heißt, Feuerwehrmann zu sein
14:58 09.09.2019
Der Alarm kann jederzeit ausgelöst werden. Auch Ortsbrandmeister Maik Schaffhauser ist als Brandmeister vom Dienst oft als Erster am Einsatzort. Foto: G. Walkhoff

Egal, ob man ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau ist: Der ehrenamtliche Einsatz ist eine Verpflichtung, die im Alltag der aktiven Mitglieder tiefe Spuren hinterlässt. „Eintritt und Austritt sind freiwillig. Der Rest dazwischen ist Pflicht“, bringt es der Gifhorner Ortsbrandmeister Maik Schaffhauser auf den Punkt. Und dieser Rest betrifft das komplette Leben der Feuerwehrleute: rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr.

Wenn ein Hilfesuchender die 112 wählt, stellt sich für das aktive Mitglied nicht die Frage, ob er oder sie tagsüber bei der Arbeit ist, abends mit Freunden im Restaurant sitzt oder nachts im Bett liegt. Wenn der Pieper geht, eilen die Feuerwehrleute ins Feuerwehrhaus, ziehen sich um, besetzen die Einsatzwagen und kommen nicht eher zurück, bis ihr Auftrag erledigt ist.

Den Gifhorner Kameraden wird diesbezüglich eine besonders hohe Einsatzbereitschaft abverlangt. „Hier gibt es weit mehr zu tun als in kleineren Orten. Letztes Jahr sind wir durchschnittlich fast jeden Tag einmal ausgerückt“, erzählt Maik Schaffhauser.

Nie ganz privat

Wer bei der Feuerwehr ist, ist immer zuständig. Einzige Ausnahme: Wenn die Gifhorner Kameraden das Stadtgebiet verlassen – zum Beispiel im Urlaub oder weil ihr Arbeitsplatz weit außerhalb der Stadt liegt – dann schweigt der Meldeempfänger.
  

Der ehemalige Zugführer Ralf Müller (hier bei einem früheren Einsatz) erinnert sich, dass man als Brandmeister vom Dienst hundertprozentig gefordert ist. Foto: Feuerwehr Gifhorn
Der ehemalige Zugführer Ralf Müller (hier bei einem früheren Einsatz) erinnert sich, dass man als Brandmeister vom Dienst hundertprozentig gefordert ist. Foto: Feuerwehr Gifhorn

Ihrer Verantwortung sind sich die Feuerwehrleute permanent bewusst, auch in ihrer Freizeit. „Ich weiß von vielen Kameraden, dass sie sich grundsätzlich beim Alkoholkonsum zurückhalten, um jederzeit einsatzfähig zu sein“, erzählt der ehemalige Orts- und Stadtbrandmeister und heutige Ehrenstadtbrandmeister der Stadt Gifhorn Wolfgang Scharfenberg. Das trifft besonders dann zu, wenn die Wahrscheinlichkeit für einen Einsatz steigt, zum Beispiel bei extremer Trockenheit.

Manchmal hat allerdings auch die Feuerwehr einmal einen Grund zum Feiern – zum Beispiel den 150. Geburtstag. In solchen Fällen sorgt sie für einen Bereitschaftsdienst, der komplett nüchtern bleibt.
  

Wolfgang Scharfenberg Foto: privat
Wolfgang Scharfenberg Foto: privat

Ein Feuerwehrmann ist immer im Dienst – sogar beim Hausbau. „Einmal hatte ich gerade einen Eimer Mörtel angerührt, als ich zum Einsatz gerufen wurde“, erzählt Wolfgang Scharfenberg und zuckt die Schultern. „Selbst dann, wenn es nur eine Kleinigkeit sein sollte, lassen wir alles stehen und liegen und eilen los.“ Egal, ob der Mörtel unbrauchbar wird, Konzerttickets verfallen oder das Essen im Restaurant kalt wird.

Immer im Dienst: Der Brandmeister vom Dienst

Die Rund-um-die-Uhr-Einsatzbereitschaft gilt in besonderem Maße für den jeweiligen Brandmeister vom Dienst. Diese Institution gibt es bei der Gifhorner Feuerwehr seit 1990. Jeden Freitagabend wird der Einsatzwagen von einem Zugführer an den nächsten übergeben. Dann ist der nächste Brandmeister vom Dienst eine Woche lang mit einem Feuerwehrauto unterwegs „– zur Arbeit, zum Einkaufen oder um die Kinder zum Musikunterricht zu fahren. Während dieser Zeit dürfen die Brandmeister das Stadtgebiet nicht ohne Absprache verlassen. Der ehemalige Zugführer Ralf Müller erzählt: „Einmal war ich mit meinem kleinen Sohn im Kindersitz unterwegs, als ich zum Einsatz gerufen wurde. Er fand's toll“, berichtet er schmunzelnd.
  

Als aktives Mitglied braucht man nicht nur das Verständnis der Familie für die ständige Einsatzbereitschaft. Auch die Unterstützung des Arbeitgebers ist notwendig. Foto: Feuerwehr Gifhorn
Als aktives Mitglied braucht man nicht nur das Verständnis der Familie für die ständige Einsatzbereitschaft. Auch die Unterstützung des Arbeitgebers ist notwendig. Foto: Feuerwehr Gifhorn

Der Brandmeister vom Dienst ist der Erste am Einsatzort und muss die Lage klären, um seine Kameraden einzuweisen. Alleine kann er jedoch wenig ausrichten. „Bis Verstärkung eintrifft, kann ich nicht viel machen. In erster Linie beruhige ich die Betroffenen. Das ist ein großer Druck, wenn man alleine vor Ort ist“, berichtet Ortsbrandmeister Maik Schaffhauser.

Ralf Müller kann das nur bestätigen: „Am Einsatzort stürzen sofort alle Umstehenden auf einen ein“, erzählt er. „Die Feuerwehrkleidung, die immer im Auto parat liegt, muss ich anziehen, bevor ich losfahre. Vor Ort schafft man es in der Regel nicht einmal mehr, die Jacke zuzumachen“, berichtet er aus seinen langjährigen Erfahrungen.
  

Foto: G. Walkhoff
Foto: G. Walkhoff

Ohne Unterstützung geht es nicht

Nicht nur das private Umfeld muss Verständnis für den jederzeit drohenden Einsatz der aktiven Kameraden aufbringen – auch die Arbeitgeber sind gefragt. Wolfgang Scharfenberg sieht das Verhältnis zwischen beruflicher und der Verpflichtung als Feuerwehrmann pragmatisch: „Manche Arbeitgeber können nicht damit umgehen, wenn der Pieper in der Arbeitszeit geht. Dann muss ich als Feuerwehrmann wissen, wo ich meine Brötchen verdiene, und eine vernünftige Lösung finden. Hier in Gifhorn regeln wir das so, dass Kameraden in solchen Arbeitsverhältnissen nur in ihrer Freizeit oder dann angepiept werden, wenn wir wirklich auf niemanden verzichten können.“

Auch die Psyche ist gefordert

Nicht jeder Einsatz hat ein Happy End. Das ist ebenfalls eine Herausforderung, der sich Feuerwehrleute stellen müssen. Wolfgang Scharfenberg erinnert sich, wie er in seiner aktiven Zeit mit Situationen umgegangen ist, die mit schwerwiegenden Personenschäden einhergingen: „Im Einsatz konnte ich funktionieren und meine Gefühle außen vor lassen. Ich habe das, was passiert ist, nicht an mich herangelassen. Das konnte ich mir erst erlauben, wenn alles vorbei war.“

Er rät Kameraden dazu, offen anzusprechen, was sie ertragen können und was nicht. „Der Einsatzleiter berücksichtigt es nach Möglichkeit, wenn ein Kamerad kein Blut sehen kann, und setzt ihn bei einem Unfall nicht in der ersten Reihe ein.“ Heutzutage rede man über die Erlebnisse nach schweren Einsätzen. „Früher hat man alles in sich hineingefressen. Heute gibt es Notfallseelsorger und psychologische Betreuung, und das ist gut so“, findet Wolfgang Scharfenberg.
  

Rund 97 Prozent der aktiven Feuerwehrleute in Deutschland sind ehrenamtlich im Einsatz, nur ca. 3 Prozent gehören einer Berufsfeuerwehr an. Die Zahl der Frauen bei der Freiwilligen Feuerwehr steigt! Zurzeit stellen sie deutschlandweit 10 Prozent der aktiven Mitglieder.

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