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Home Sonderthemen Sonstiges Wenn der Mensch versagt
11:35 14.11.2018
FOTO: ISTOCK 

Von Gerd Piper

Verkehrsexperten und Fahrzeughersteller haben einen gemeinsamen Traum: das unfallfreie Fahren. Und wie dieses Ziel erreicht werden kann, wissen sie bereits. Autonomes Fahren heißt die Zauberformel, die alle Probleme im Straßenverkehr lösen soll. Doch der Weg dorthin ist kompliziert: Abgesehen von den ethischen Problemen, die vollständig selbstfahrende Fahrzeuge aufwerfen, geht es um gesetzliche, vor allem aber auch um technische Voraussetzungen.

Klar ist, dass die Fahrerassistenzsysteme, die schon heute zur Verfügung stehen, die Bausteine für autonom fahrende Autos sind. Das Zusammenspiel dieser Systeme und die Kommunikation der Fahrzeuge untereinander werden den Straßenverkehr sicherer machen. Die Unfallstatistiken belegen es: In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Unfälle auf unseren Straßen trotz der steigenden Verkehrsdichte ständig abgenommen. Dennoch ist man von dem Ziel, unfallfrei zu fahren, noch meilenweit entfernt.


2,6 Millionen Unfälle bundesweit registrierte die Polizei im vergangenen Jahr.


Das größte Sicherheitsrisiko ist der Mensch

Nebel, Schnee, Glätte, Wildwechsel, Fußgänger, Fahrradund Motorradfahrer sowie die Autofahrer selbst können Situationen entstehen lassen, die auch mit der besten Technik nur schwer zu beherrschen sind. Das größte Sicherheitsrisiko ist der Mensch.

Sein Fehlverhalten ist nach wie vor die Unfallursache Nummer eins. Schon heute sind die gängigen Computersysteme dem Menschen haushoch überlegen: Sie kennen keine Gefühle, ermüden nicht und analysieren Gefahrensituationen in Bruchteilen von Sekunden. Fahrerassistenzsysteme, wie geschwindigkeitsabhängige Abstandshalter oder Ein- und Ausparkhilfen, die auch den rückwärtigen Querverkehr beobachten und im Ernstfall eingreifen können, belegen dies.

Schon deshalb sind Verkehrsexperten davon überzeugt, dass der Mensch mittelfristig als Autofahrer vom Computer ersetzt werden sollte. Und ein paar Zahlen untermauern dies eindrucksvoll: Meldete Deutschland 1971 mit 21 300 Verkehrstoten die höchste Zahl, die jemals in einem europäischen Land gezählt wurde, sank dieser Wert bis 2010 auf knapp 4000, im Jahr 2015 dann auf 3300 Tote im Straßenverkehr. Und das bei dreimal so vielen Fahrzeugen wie Anfang der Siebzigerjahre. Zwar registrierte die Polizei im vergangenen Jahr insgesamt rund 2,6 Millionen Unfälle und damit den höchsten Stand seit 1991, doch blieb es bei knapp 90 Prozent bei einem Sachschaden.

Bessere Sicherheitsausstattung führt zu weniger Unfällen

Diese Entwicklung ist das Ergebnis einer immer besser werdenden Sicherheitsausstattung – angefangen beim Sicherheitsgurt bis hin zu den modernen Assistenzsystemen. Laut Verkehrssicherheitsreport der Prüfgesellschaft Dekra gab es bereits 2015 in Deutschland 100 Städte, die ein Jahr lang keinen Verkehrstoten verzeichneten.

Das sind ermutigende Ansätze, und wer genau hinsieht, wie kritische Situationen im Verkehr entstehen und so Unfälle auslösen können, wird erstaunt sein, wie einfach sich diese mit einer vorausschauenden Fahrweise vermeiden lassen.

Denn 91 Prozent aller Verkehrsunfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Hauptunfallursachen sind dabei falsches Abbiegen, Wenden und Rückwärtsfahren. Am zweithäufigsten werden Vorfahrt oder Vorrang missachtet. Häufig werden auch der Abstand oder die Geschwindigkeit nicht eingehalten. Die schlimmsten Folgen mit Schwerverletzten oder sogar Todesopfern haben Unfälle, die durch überhöhte Geschwindigkeit entstehen.


"Auch Träumer sind auf der Straße gefährlich. Wer zu große Lücken klaffen lässt, provoziert, dass andere Verkehrsteilnehmer dies als Chance sehen und dort hineinfahren."


Ständige Spurwechsel erhöhen Unfall- und Staugefahr

Es gibt dabei typische Verkehrssituationen, die wir alle kennen und die schnell Unfälle auslösen können:

Die Staufalle: Kritisch wird es in der Urlaubszeit auf vollen Autobahnen. Hier sind Staus vorprogrammiert. Zwar muss dichter Verkehr nicht zum Verkehrschaos führen. Doch oft sind es Gedankenlosigkeit oder Unvernunft der Verkehrsteilnehmer, die genau das provozieren: Wer zu dicht auffährt, gefährdet sich und andere – je geringer der Abstand ist, umso kleiner ist der Spielraum zum Bremsen. Regelmäßige Horrorunfälle auf den Autobahnen, in die etliche Fahrzeuge verwickelt werden können, laufen immer nach dem gleichen Schema ab: zu geringer Abstand, der Hintermann kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und schon kracht es.

Die Kolonnenspringer: Einen ähnlichen Effekt hat ein besonders aggressives Verhalten auf der Straße, wenn Autofahrer ständig die Spur wechseln und ihren Wagen rücksichtslos in kleine Lücken zwischen zwei Fahrzeuge quetschen. Hier wird der Sicherheitsabstand urplötzlich halbiert, der Hintermann muss im Extremfall stark bremsen, die Unfallgefahr steigt in Sekundenschnelle. Abgesehen davon behindern ständige Spurwechsel einen gleichmäßigen Verkehrsfluss und steigern damit die Staugefahr. Doch auch Träumer sind auf der Straße gefährlich. Wer zu große Lücken klaffen lässt, provoziert geradezu, dass andere Verkehrsteilnehmer dort hineinfahren. Auch hier steigt das Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, drastisch.

Der Reißverschluss: Ein ewiger Aufreger ist das Reißverschlussverfahren bei der Einfahrt in Baustellenbereiche, wenn sich die Fahrbahnen verengen. Eine Situation, die viele Autofahrer schnell an ihre Belastungsgrenze bringen kann: Bin ich verpflichtet, jemandem den Vortritt zu lassen, der sich offensichtlich reindrängeln möchte? Richtig ist, bis zur Fahrbahnverengung auf seiner Spur vorzufahren und sich dann einzufädeln. Immer abwechselnd einer von links, einer von rechts. Was nur wenige wissen: Fahrzeuge auf der Hauptspur haben hier kein Vorrecht, denn beide Spuren haben abwechselnd Vorfahrt.

Der Linksfahrer: Schließlich sind auch notorische Linksfahrer ein ständiges Ärgernis – denn die linke Fahrbahn heißt nicht von ungefähr Überholspur. Der Auto Club Europa warnt: Wer ständig links fährt, halbiert die Kapazität der Autobahn und fördert die Staugefahr. Auch auf der Autobahn gilt das Rechtsfahrgebot. Notorische Linksfahrer verleiten andere Fahrer dazu, rechts zu überholen. Doch es gilt: Nur bei zäh fließenden Kolonnen dürfen links fahrende Fahrzeuge mit entsprechender Vorsicht rechts überholt werden.

Ford hat mit einer britischen Universität die Hirnaktivitäten von Profi-Rennfahrern untersucht und dabei erforscht, wie sich deren Techniken auch für normale Autofahrer anwenden lassen. Im Schnitt blenden Profi- Rennfahrer Störfaktoren und Ablenkungen beim Autofahren bis zu 40 Prozent besser aus als normale Autofahrer. Denk- und Verhaltensweisen der Rennfahrer wurden während einer Simulation mittels EEG untersucht und schließlich mit zwei Kontrollgruppen verglichen, von der eine in die Rennfahrtechnik eingeweiht war. Im Ergebnis zeigte sich, dass die vorbereitete Gruppe trotz fehlender Rennfahrer-Erfahrungen bis zu 50 Prozent besser abschnitt als die unwissende. Ford schließt daraus, dass die Adaption der Denkweisen von Profi-Rennfahrern für Autofahrer nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch in alltäglichen Situationen hilfreich sein kann.

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