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Home Sonderthemen Gesundheit/Pflege Wenn Stress krank macht
17:26 23.03.2019
RND-ILLUSTRATION: PATAN

Von Carolin Burchardt 

Die Gedanken kreisen immer um dieselben Szenen: den unmöglichen Chef, der schon wieder unfair war oder die dreiste Nachbarin, die den Putzdienst im gemeinschaftlichen Treppenhaus – wie so oft – vernachlässigt hat. Der Atem geht flach und schnell, und dann ist da diese permanente innere Unruhe, die sämtliche Entspannungsversuche im Keim erstickt. Stattdessen werden lieber noch schnell die Mails gecheckt und der Stapel an Unterlagen abgearbeitet, der sich bedrohlich auf dem Schreibtisch türmt. Es ist ein Teufelskreis an dessen Ende oftmals die totale Erschöpfung steht.

Warnsignale wahrnehmen

Die Anzeichen sind deutlich: Wer merkt, dass er am Wochenende nicht mehr abschalten kann, nach dem Wochenende nicht erholt ist oder gar nach einem längerem Urlaub immer noch auf dem Zahnfleisch kriecht, der ist mitunter schon ziemlich tief gefangen in der Stressspirale. Hinzu kommen Symptome wie Schlafstörungen, Gereiztheit, häufige körperliche Infekte oder Rückenschmerzen. „All das sind Warnsignale für chronischen Stress“, sagt Psychiaterin und Psychotherapeutin Iris Hauth. Sie ist Ärztliche Direktorin und Geschäftsführerin des Alexianer St. Joseph Krankenhaus in Berlin Weißensee und hat regelmäßig mit Patienten zu tun, die all diese Symptome in sich vereinen. Die Auslöser sind vielfältig: Als einen Punkt nennt sie die kontinuierliche Veränderung der Arbeitswelt durch die „Globalisierung und die Digitalisierung“. In Studien wie dem Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2012) oder der Stressstudie der Techniker Krankenkasse (2016) seien gravierende Belastungsfaktoren in diesem Bereich ausgemacht worden: zunehmendes Multitasking, die steigende Termin- und Leistungsdichte, nicht eingehaltene Pausen, zu wenig Lob und Gefühle der Ohnmacht am Arbeitsplatz durch unsichere Arbeitsverhältnisse. „Die psychosoziale Belastung hat zugenommen und wird auch so erlebt“, bestätigt Hauth.


"Die psychosoziale Belastung hat zugenommen und wird auch so erlebt."

Iris Hauth, Psychiaterin und Psychotherapeutin


Gestützt werden diese Forschungsergebnisse durch nackte Zahlen: Psychische Erkrankungen stehen an zweiter Stelle bei den Krankschreibungen und sogar an erster Stelle bei der Frühberentung: „Das ist volkswirtschaftlich gesehen, aber natürlich auch für die Betroffenen im Einzelnen, ein Riesenleid“, sagt Hauth. Ein Begriff, der sich in diesem Zusammenhang etabliert hat, von Psychiatern wie dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Deutsche Depressionshilfe Professor Ulrich Hegerl, aber gern als „irreführend“ bezeichnet wird, ist der Burnout. Er umschreibt ein Gefühl der totalen Erschöpfung, ist aber nicht als offizielle Krankheit im ICD-Index anerkannt. Als irreführend gilt der Begriff, weil sich laut Hegerl dahinter sowohl Menschen mit Erkrankungen wie Depressionen als auch solche, die einfach zu viel gearbeitet haben, „verstecken“.

Diagnose Burn-out führt zu falscher Behandlung

RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie
RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie

Das verleite zu falschen Behandlungsmethoden, die wie im Beispiel einer chronischen Überlastung und einer Depression nahezu konträr seien, sagt Hegerl und kritisiert: „Wer einfach sehr erschöpft ist, dem wird unter anderem zu Urlaub und längeren Ruhezeiten geraten. Bei einem depressiv Erkrankten, der krankheitsbedingt immer auch unter Erschöpfung leidet, ist diese Empfehlung mitunter fatal und verstärkt die Depression sogar noch. Schlafentzug ist ja eine bestens belegte Behandlung bei Depression.“

RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie
RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie

Eine weitere Gefahr des Burn-out-Begriffs, da sind sich Hauth und Hegerl einig, liege in der Verstärkung des Stigmas der Depression, frei nach dem Motto: „Wer etwas leistet, der bekommt einen Burn-out, und Depressionen sind nur etwas für Looser“, mahnt Hauth. Hegerl kritisiert zudem, dass viele Menschen immer noch glaubten, dass die Depression vor allem von äußeren Belastungsfaktoren abhänge: „Diese spielen eine viel geringere Rolle als angenommen. Entscheidend ist die Veranlagung“, betont er. Einziger Vorteil des Modebegriffs Burn-out sei aus seiner Sicht, „dass sich depressiv erkrankte Menschen hinter diesem Label vielleicht eher trauen, Hilfe zu holen“.


"Äußere Belastungsfaktoren spielen eine viel geringere Rolle."

Prof. Ulrich Hegerl, Psychiater


Hauth umschreibt den Burn-out als Risikozustand, aus dem sich Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen ergeben könnten. In einer ihrer Einrichtung angeschlossenen Burn-out-Tagesklinik würden sich daher auch nicht in erster Linie Depressive einfinden, sondern vielmehr Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl, die sich vor allem durch Leistung definieren und auf Lob aus sind.

Der Mangel an Lob und Anerkennung macht krank

RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie
RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie

Medizinsoziologen sprechen dabei von einer Gratifikationskrise. Aus Mangel an Lob und Wertschätzung im Job werde immer noch mehr gearbeitet, sich geradezu aufgeopfert, sagt Hauth. Werde dann die Sinnhaftigkeit des Tuns infrage gestellt, käme ein Kontrollverlust hinzu. Und werde die Selbstwirksamkeit nicht mehr wahrgenommen, münde dies in chronischen Stress. Damit geht eine permanent zu hohe Cortisolausschüttung einher, die wiederum ein Risikofaktor für Depressionen und weitere chronische Erkrankungen sei.

RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie
RND-Grafik; Quelle: TK/Stressstudie

Was diesem Wust aus äußeren Reizen und permanenter innerer Unruhe entgegensetzen? Hauth bringt das Stichwort Resilienz ins Spiel, also eine psychische Widerstandsfähigkeit, mit akuten Krisen, aber auch dauerhaften Belastungen in angemessener Weise umzugehen. Manchen Menschen ist diese Fähigkeit von Natur aus gegeben, andere müssen sie sich hart – mitunter auch mit Therapie – erkämpfen. Hauth nennt fünf entscheidende Faktoren, die es für mehr Stressresistenz braucht: soziale Unterstützung bei der Arbeit, außerhalb der Arbeitswelt Beziehungen und Kommunikation pflegen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit), Optimismus (Positives jeden Abend notieren) und Hoffnung (Zuversicht trainieren).

Darüber hinaus empfehlen beide Experten, mehrmals die Woche Ausdauersport zu betreiben, um Stress abzubauen und Depression und Angst vorzubeugen. Wer es lerne, seine Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit realistisch zu formulieren, der laufe weniger Gefahr, sich in der Stressspirale zu verlieren.

Wer sich schon mal um einen Therapieplatz bemüht hat, kennt das Problem: Die Wartezeiten für eine Psychotherapie sind lang, die Praxen restlos überfüllt. Wer dennoch schnelle Hilfe benötigt, kann mit dem iFightDepression-Tool der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erste Krisenintervention betreiben. Das kostenlose Selbstmanagementprogramm richtet sich an Menschen mit leichten Depressionsformen. Es basiert auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie und ist in sechs Workshops gegliedert: 1. Denken, Fühlen, Handeln; 2. Schlaf und Depression; 3. Schöne Dinge unternehmen; 4. Dinge erledigen; 5. Negative Gedanken erkennen; 6. Negative Gedanken verändern. Der Zugang zum Tool erfolgt über einen qualifizierten Hausarzt.

Eine Erkältung, ein fieberhafter oder auch grippaler Infekt, eine unspezifische obere Atemwegserkrankung oder wie auch immer man einen derartigen Krankheitszustand nun beschreiben möchte, ist selbstlimitierend, erledigt sich also von selbst, ohne therapeutische Maßnahmen. Dies gilt sogar für eine Bronchitis. Das bedeutet, dass die Volksweisheit „eine Erkältung benötigt mit Arzt 14 Tage und ohne zwei Wochen“ tatsächlich stimmt. Fieber ist keine Indikation für ein Antibiotikum.

Der Gang zum Hausarzt ist bei Erkältungskrankheiten allein aus zwei Gründen notwendig: Berufstätige benötigen in Deutschland nun mal eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, und es gilt abzuklären, ob vielleicht eine beginnende Lungenentzündung oder eine konkret behandelbare Ursache vorliegt beziehungsweise ob es sich um einen besonders gefährdeten Risikopatienten handelt, dem ein komplizierter Krankheitsverlauf droht.

Inwieweit Schleimlöser, freiverkäufliche Medikamente aus der Apotheke (OTCs) oder einfache Hausmittel wie Inhalation, Hühnersuppe und Wadenwickel den Genesungsprozess beschleunigen, ist in Studien nicht belegbar. Sogar eine Erregeridentifikation ist nahezu unmöglich. Die Therapie bedient sich daher bei den persönlichen Erfahrungen des Patienten und des Hausarztes. Hierbei spielt sicherlich der Placeboeffekt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Dafür setzen Hausärzte auch gern die unverkäuflichen Muster der Pharmavertreter ein. Mit Bestechlichkeit oder fehlender Objektivität hat das nichts zu tun.

Dr. Laura Dalhaus ist Allgemeinmedizinerin in Rhede im Münsterland. Auf Ihrer Website www.landarzt.rocks schreibt sie regelmäßig über ihren Praxisalltag


Eine künstliche Befruchtung erhöht einer Studie zufolge beim Nachwuchs nicht das Krebsrisiko – zumindest bis zum frühen Erwachsenenalter. Das berichten niederländische Forscher im Fachblatt „Human Reproduction“. Die umfangreiche Untersuchung widerspricht damit Resultaten früherer Studien. Das Team von The Netherlands Cancer Institute stützte sich auf Daten von Frauen, die von 1980 bis 2001 behandelt worden waren. 47 690 Kinder wurden berücksichtigt, gut die Hälfte davon kam nach künstlicher Befruchtung zur Welt. Die Krebsraten dieser Kinder waren weder im Vergleich zur Allgemeinheit erhöht noch im Vergleich zu jenen natürlich gezeugten Kindern, deren Mütter Empfängnisschwierigkeiten hatten.

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