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12:40 18.09.2019

KAA GENT: BÜFFEL UND TÜCHER 

Texte: Nick Heitmann 

Was der legendäre Büffeljäger Buffalo Bill und der VfL Wolfsburg gemeinsam haben? Beide hatten ein äußerst erfolgreiches Gastspiel im belgischen Gent. William F. Cody, so sein bürgerlicher Name, entfachte dort um 1900 mit seiner Wild-West-Show sogar so viel Euphorie, dass sich der hiesige Fußball-Verein einen Indianer-Häuptling als Wappen zulegte, auch der Klub-Spitzname „Die Büffel“ rührt daher. Mehr als 100 Jahre später gab dann der VfL in der – nach Antwerpen – zweitgrößten Stadt des Nachbarlandes (260.000 Einwohner) seine Visitenkarte ab, die Begeisterung nach dem Auftritt war diesmal allerdings recht einseitig verteilt. Die Wolfsburger gewannen im Februar 2016 das Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei der KAA Gent dank der Treffer von Julian Draxler (2) und Max Kruse nach zwischenzeitlicher 3:0 - Führung mit 3:2.
  

Tor für den VfL gegen Gent: André Schürrle traf 2016 in der VW-Arena. DPA. FOTOS: DPA/ IMAGO IMAGES REVIERFOTO/40941899 COLORSPORT/01670410
Tor für den VfL gegen Gent: André Schürrle traf 2016 in der VW-Arena. DPA. FOTOS: DPA/ IMAGO IMAGES REVIERFOTO/40941899 COLORSPORT/01670410

Qualifiziert hatten sich die Belgier für den Wettbewerb durch den größten Erfolg ihrer 121-jährigen Vereinsgeschichte. Die KAA (Koninklijke Atletiek Associatie, zu Deutsch: Königliche Athletik-Vereinigung), die immerhin auch dreimal den belgischen Pokal (1964, 1984 und 2010) erringen konnte, stand während der regulären Saison 2014/15 zwar nie auf Platz eins, sicherte sich dann aber in den Play-Offs zum ersten Mal den Meistertitel in der Jupiler Pro League. Was die europaweite Bedeutung angeht, hat die Stadt Gent ihrem Fußball-Klub historisch gesehen allerdings einiges voraus – sie war sowohl im Mittelalter durch den Tuchhandel als auch Ende des 18. Jahrhunderts durch die frühe Industrialisierung eine große Nummer auf dem Kontinent.  

Dass die KAA, in deren Jugendabteilung Ex-VfLStar Kevin De Bruyne ausgebildet wurde, in diesem Jahr überhaupt in der Europa League mitmischen darf, hat sie einer Entscheidung am grünen Tisch zu verdanken.
  

Bleibender Eindruck: Plakat zum Buffalo-Bill-Auftritt in Gent.
Bleibender Eindruck: Plakat zum Buffalo-Bill-Auftritt in Gent.

Eigentlich hätte Gent als Tabellenfünfter den internationalen Wettbewerb verpasst, rückte jedoch nach, weil der KV Mechelen wegen Spielmanipulation ausgeschlossen wurde. Da die vom Dänen Jess Thorup trainierte Mannschaft drei Qualifikations-Runden meisterte, kommt es nun zum Wiedersehen mit Wolfsburg. Und die Grün-Weißen hätten sicherlich keine Einwände dagegen, wenn alles so laufen würde wie 2016. Damals siegten sie nämlich nicht nur auswärts in der Ghelamco Arena (Fassungsvermögen: 20.000 Plätze), sondern auch in der heimischen VW-Arena. Durch das 1:0 (Torschütze: André Schürrle) setzte der VfL seinen sensationellen Europa-Lauf fort, der erst im Viertelfinale auf spektakuläre Weise gegen Real Madrid endete.


Europacup-Finale 1976: Die AS Saint-Etienne (rechts Jean Michel Larque) unterlag dem FC Bayern (links Karl-Heinz Rummenigge) mit 0:1.
Europacup-Finale 1976: Die AS Saint-Etienne (rechts Jean Michel Larque) unterlag dem FC Bayern (links Karl-Heinz Rummenigge) mit 0:1.

Vor allem ein VfLer konnte sein Glück nach der Europa-League-Auslosung kaum fassen: Kapitän Josuha Guilavogui. „Für mich wird ein Traum wahr. Ich brauche eine ganze Tribüne für meine Freunde und Familie“, jubelte der 28-jährige Franzose über das Wiedersehen mit seinem Jugendklub Association Sportive Saint-Etienne Loire, kürzer: AS St-Etienne, ganz kurz: ASSE. Der Verein aus der südostfranzösischen Industriestadt (180.000 Einwohner) trägt seine Heimspiele im Stade Geoffroy-Guichard aus, das Platz für 42.000 Zuschauer bietet, die Anhänger gelten als besonders leidenschaftlich und kreativ. Benannt wurde das Stadion nach dem Gründer der Einzelhandelskette Casino, dessen Angestellte 1919 den Vorläufer des Klubs gründeten, seit 1933 trägt er seinen heutigen Namen. In ihrer abwechslungsreichen Geschichte war die ASSE überall, ganz oben wie ganz unten. Zehn Meisterschaften zieren den Briefkopf, zeitweise dominierte die Mannschaft die heimische Liga nach Belieben – von 1967 bis 1970 holte sie vier Titel am Stück.

Auf europäischer Ebene blieb den Franzosen der ganz große Wurf allerdings versagt, im Finale der Landesmeister 1976 mussten sie sich dem FC Bayern München mit 0:1 geschlagen geben. 1981 (mit dem späteren Weltfußballer Michel Platini) gewann der Rekordmeister zum vorerst letzten Mal das Championnat de France, danach begann der tiefe Absturz. Schwarze Kassen, Punktabzüge und Abstiege spielten dabei ebenso eine Rolle wie die sogenannte „Passfälschungs-Affäre“, bei der es Ende der 1990er-Jahre um gefälschte Reise- und Spielerpässe ging.

Mittlerweile hat sich Saint-Etienne wieder gefangen. Der Klub ist seit 2004 Stammgast in der Ligue 1 und gewann 2013 den französischen Ligapokal. In der Vorsaison qualifizierte sich das Team um Offensivmann Wahbi Khazri (Marktwert des tunesischen Nationalspielers laut Transfermarkt: 16 Millionen Euro) als Tabellenvierter für die Europa League, in der nun auch Wolfsburg wartet. Die Vereinsfarben Grün-Weiß und Guilavogui (war von 2005 bis 2013 für Saint-Etienne aktiv) sind übrigens nicht die einzigen verbindenden Elemente zwischen den beiden Vereinen. Zwei VfLer (Ibrahim Sissoko und PG Ntep) kickten jeweils ein halbes Jahr lang als Leihspieler bei den Franzosen, außerdem gab’s in der jüngeren Vergangenheit zwei Testspiele. Die Bilanz: ausgeglichen. 2013 verloren die Wolfsburger mit 5:6 nach Elfmeterschießen, drei Jahre später siegten sie dagegen – ohne den durch einen Halswirbelbruch außer Gefecht gesetzten Guilavogui – mit 1:0.


Testspiel gegen Uerdingen: Evhen Banada (links) und der FC Olexandrija.
Testspiel gegen Uerdingen: Evhen Banada (links) und der FC Olexandrija.

Olex… was? Just in dem Augenblick, als Ende August bei der Europa-League-Auslosung in Monaco der FK Olexandrija als dritter und letzter VfL-Gruppengegner aus dem Topf gezogen wurde, begann das große Rätselraten. Selbst in Expertenkreisen. „Ehrlich gesagt ist das ein Team, mit dem auch ich zunächst nichts anfangen konnte“, gesteht der in Bahrdorf aufgewachsene DAZN-Moderator Alexander Schlüter, der bei dem Streaming-Dienst zu den Stammkräften für die Übertragungen der europäischen Pokalwettbewerbe gehört. Fragezeichen allenthalben, eine ausgiebige Internet-Recherche ist deshalb unerlässlich. Ergebnis: Das 82.000 Einwohner zählende Olexandrija liegt in der Mitte der Ukraine (gestrichelter Kreis) – und damit satte 1870 Kilometer von Wolfsburg entfernt. Gespielt wird etwas weiter westlich in Lwiw, das liegt immerhin gut 600 Kilometer näher.
  

Die eigentliche Heimat des Klubs: Das Nika-Stadion in Olexandrija.
Die eigentliche Heimat des Klubs: Das Nika-Stadion in Olexandrija.

Der Verein blickt auf eine kurze, aber durchaus bewegte Geschichte zurück. Bei seiner Gründung als Team einer Messgeräte-Fabrik 1991 hieß der Klub noch Polihraftechnika. 2001 gelang erstmals der Aufstieg in das ukrainische Fußball-Oberhaus, die Premjer-Liha, lediglich zwei Jahre später folgte jedoch der Bankrott und die Umbenennung in Fußball-Club. Von der dritten Liga arbeitete sich das Team in den darauffolgenden Jahren wieder nach oben, seit 2015 ist Olexandrija dauerhaft erstklassig. Nach zweimaligem Scheitern in der Qualifikation (2016 gegen Hajduk Split und 2017 gegen BATE Borissow) schaffte FK in diesem Jahr zum ersten Mal den Sprung in die Gruppenphase der Europa League – und das dank Rang drei, der besten Premjer-Liha-Platzierung der Vereinsgeschichte, sogar direkt.

Seine Heimspiele trägt Olexandrija eigentlich im 1998 erbauten und nur 7000 Zuschauer fassenden Nika-Stadion aus, internationale Spiele finden aber in der Ukrainie oft in Lwiw statt. Bekanntschaft mit einem deutschen Gegner hat FK in diesem Jahr schon gemacht: Ende Juni verloren die Ukrainer im niederländischen Tegelen ein Testspiel gegen den Drittligisten KFC Uerdingen trotz einer frühen 2:0-Führung noch mit 3:4. Vom Marktwert der Mannschaft her sind die Uerdinger den Osteuropäern auch weit näher als Wolfsburg. Mit Yevhen Banada, der im defensiven Mittelfeld zu Hause ist, liegt laut Transfermarkt nur ein einziger Spieler von Olexandrija im siebenstelligen Euro-Bereich. Und: Der Wert von VfLKapitän Josuha Guilavogui (zwölf Millionen Euro) wird höher taxiert als der des gesamten 25-köpfigen FK-Kaders. Trainiert wird dieses Aufgebot übrigens von – Achtung, schöner hätte es sich auch die VW-Marketingabteilung kaum ausdenken können – Volodymyr Sharan.

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