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Home Sonderthemen Neues aus Gifhorn und Umgebung Wo Kaltblut auf Gefühle trifft
06:21 27.04.2018
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Einem größeren Publikum in der Region wurde Maria Trezinski erstmals bekannt durch ihre Installation im Kunstschaufenster des Wolfsburger „ Hallenbades“ vor genau einem Jahr. Auf der Gesamtfläche des Schaufensters von fünfzehn mal drei Metern präsentierte die damals 23-jährige Künstlerin ihre Arbeit „Freudentanz“, die sie extra für dieses Format und zum Anlass dieser Ausstellung anfertigte. Gefragt, was denn dort hinter Glas zu sehen sei, folgte die Antwort: Bienen. Jedoch nicht von Gestalt einer Biene Maja mit niedlichem Kindchengesicht und großen Augen. Dort tummelten sich drei gemalte und gesprayte Vertreterinnen ihrer Spezies von bedrohlich doppelter Menschengröße, die dem kleinen Betrachter klarmachen, wessen Freude dieser Tanz ist – wie gut, dass eine Scheibe dazwischen war.

Seit Mitte März in Meinersen: Malerin Maria Trezinski freut sich auf eine Vielfalt von neuen Motiven in der umliegenden Natur
Seit Mitte März in Meinersen: Malerin Maria Trezinski freut sich auf eine Vielfalt von neuen Motiven in der umliegenden Natur

„Typisch Maria“, sagen Freunde, Fans, Förderer und Kollegen der HBK-Braunschweig-Absolventin. „Das mag sie gern, das Darstellen von Insekten, Amphibien, Reptilien, Vögeln, morbiden Objekten“, heißt es. Und das ist unisono anerkennend gemeint. Denn Maria Trezinski studiert ihre Mini-Modelle mit der Akribie einer Pathologin, bevor sie sie malt. „Zunächst untersuche ich die Haptik: Ist das Objekt pelzig oder glatt, glitschig oder geschuppt, trocken oder feucht? Ist es warm oder kalt? Ist es glänzend oder stumpf, ist die Farbigkeit kräftig oder verhalten? Welche Muster, welche Strukturen lassen sich erkennen?“, erklärt Maria Trezinski ihre Vorgehensweise.


„Ich bin kein Umweltapostel und male nicht mit erhobenem Zeigefinger, aber ich möchte dokumentieren, wie der Mensch in die Natur eingreift und sie verändert.“


Dabei legt sie, ähnlich dem Forensiker, Gefühle wie Ekel oder Berührungsangst gegenüber dem toten Körper ab. Sie macht sich frei von der Disposition vieler Menschen, dass Kriech- und Krabbeltiere eher abstoßend oder sogar Furcht einflößend seien. Durch die Abstraktion von Ekelmerkmalen gelingt es ihr, gewohnte Perspektiven aufzubrechen. Sie macht mit ihrer Malerei den Blick frei auf die Natürlichkeit, auf das, was das Lebewesen ausmacht.

Starke evolutionsbiologische Einflüsse

Der Topos dieser speziellen Naturthemen hat bei Maria Trezinski einen naturphilosophischen Hintergrund. „Stark beeinflusst hat mich der US-amerikanische Paläontologe und Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould mit seinem 1989 erschienenen Klassiker ‚Zufall Mensch‘. Er stellt dort die These auf, dass das Erscheinen des Menschen in der Evolution eine Laune der Natur gewesen sei. Genauso gut könne heute eine hoch entwickelte Spezies von Trilobiten den Globus beherrschen und der Mensch würde vielleicht, wenn überhaupt, ein mikrobenkleines Dasein fristen.“ Mit dieser Denkweise relativiert die Künstlerin das – nach menschlichem Ermessen – ästhetisch Schöne und lenkt die Aufmerksamkeit auf das originär Natürliche und Vergängliche, dem seinerseits etwas Ästhetisches innewohnt.

Nur auf den ersten Blick herzlos

Geradezu symbolhaft als Hinweis auf die Endlichkeit des Seins sind Maria Trezinskis Herz-Darstellungen. In verschiedenen Größen und aus unterschiedlichen Perspektiven bildet sie jenes lebenswichtige Organ ab, das in der Kulturgeschichte als romantischer Inbegriff von Liebe und Leid gilt. Die Künstlerin entmystifiziert das Herz, indem sie es getreu der Vorlage, einem Schweineherz, das dem menschlichen sehr ähnelt, malt. „Wenn das Tierherz, das ich mir frisch vom Metzger besorge und das, um gemalt zu werden, direkt neben meinem Arbeitsplatz liegt, seinen strengen Geruch von Fleisch, Eisen und Blut verströmt, vergehen sämtliche romantische Assoziationen“, versichert die Malerin. So sei die Sicht frei auf Fragen wie zum Beispiel, ob das Herz der Sitz der Seele sei oder eher das zentrale Nervensystem des Gehirns, wo die Wissenschaft die Seele ortet – und am Ende berühren ihre Bilder doch wieder: das Herz.

Nachdenklich stimmen auch jene Bilder, die nicht nur Zustände, sondern auch Vorfälle in der Natur darstellen: Vögel mit verklebtem Gefieder als Opfer einer Ölpest, Frösche mit durch Radioaktivität mutierten Gliedmaßen. „Ich bin kein Umweltapostel und male nicht mit erhobenem Zeigefi nger, aber ich möchte dokumentieren, wie der Mensch in die Natur eingreift und sie verändert“, betont Maria Trezinski. Schwerpunkt ihrer Arbeit aber bleiben nicht die von Menschenhand gemachten Veränderungen in der Natur, die die Künstlerin beobachtet und studiert, sondern die evolutionären. Nahezu allegorische Bedeutung dafür könnte die Schlangenhaut haben, die sich wie ein roter Faden durch Maria Trezinskis Meisterschülerausstellung 2017 im Foyer der Hannover Rück zieht – die immer wiederkehrende Häutung der Schlange als Topos für den beständigen Wandel.

Im März 2018 trat sie ihr einjähriges Stipendium an und wird selbstverständlich währenddessen dort auch ihre Bilder ausstellen. Außerdem wird sie, wie alle Stipendiaten vor ihr, gemeinsam mit Meinerser Schülerinnen und Schülern ein Kunstprojekt durchführen. „Mir schwebt ein Projekt mit Wandmalerei vor, vermutlich mit Acrylfarben und Spraytechnik“, verrät sie. Und jetzt genießt sie es, endlich ihre Umgebung erkunden zu können. „Als ich ankam, war es nass und kalt. Jetzt, wo alles grünt und blüht, kann ich raus in die wunderschöne Natur und mir viele neue Inspirationen holen“, freut sich Maria Trezinski. (jv)


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