Menü
Anmelden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus WolfsburgWolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg

Home Sonderthemen Sport/Vereinsleben Frank Witter: „Die Mannschaft empfindet Europa als Privileg“
05:51 19.09.2019
Der Chef: Seit April 2018 ist VW-Finanzvorstand Frank Witter Aufsichtsratsvorsitzender der VfL-Wolfsburg-Fußball-GmbH und damit quasi oberster VfLer. Als Fußballer war er von 1979 bis 1981 für den OSV Hannover in der 2. Liga Nord aktiv.

VON NICK HEITMANN UND ENGELBERT HENSEL

WOLFSBURG. Erst die erfolgreiche Relegation gegen Kiel, dann die Rückkehr nach Europa, jetzt der gelungene Saisonauftakt – seit dem Amtsantritt von Frank Witter als Aufsichtsrats-Chef des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg im April 2018 ging’s nur bergauf. „Die Erfolge sind aber nicht Witters Werk“, betont der VW-Finanzvorstand, „sondern des gesamten Aufsichtsrats sowie insbesondere der Geschäftsführung und Sportlichen Leitung im Zusammenspiel mit der Mannschaft.“ Im AZ/WAZ-Interview spricht der 60-Jährige über die Vorfreude auf die Europa League, Ziele und Ermahnungen seines Sohnes.

Sie haben 76 Zweitliga-Partien für den OSV Hannover absolviert. War auch der Trainerjob mal eine Option für Sie?

Diese Frage hat sich aufgrund meiner beruflichen Entwicklung nie gestellt. Die Liebe und Nähe zum Fußball ist ja geblieben, allerdings eher als Fan. Der Trainerberuf ist natürlich spannend, aber auch anstrengend. Wobei ich nicht behaupten will, dass es in der Automobilindustrie nach der Diesel-Thematik weniger anstrengend ist.
           


"Wir müssen auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen achten. So eine Neu-Balancierung dauert zwei, drei Jahre, das geht nicht über Nacht."


Würden Sie heutzutage in der 2. Liga spielen, wären Sie kein Student, der sich mit seinem Hobby etwas dazuverdient, sondern ein Vollprofi. Würden Sie gern mit der aktuellen Fußballer-Generation tauschen?

Diese Frage geht mir tatsächlich durch den Kopf, mehr weil mein zwölfjähriger Sohn durchaus Talent hat, technisch wahrscheinlich besser ist als sein alter Herr. Ob er es schafft oder nicht, wird sich zeigen. Profis in der 2. und 3. Liga verdienen überdurchschnittlich, aber nicht so viel, dass sie sich für die Zeit nach dem Fußball keine Sorgen mehr machen müssen. Und die Karriere kann ja jeden Tag wegen einer schweren Verletzung vorbei sein. Umso wichtiger ist es, dass man auf die Ausbildung achtet und nicht nur Fußball im Kopf hat.

Die Europa-League-Saison startet für den VfL am Donnerstag gegen FK Olexandrija. Was halten Sie von der Vorrundengruppe, die durch KAA Gent und AS Saint Etienne komplettiert wird?

Ich glaube, wir haben eine interessante Gruppe, die in der Öffentlichkeit etwas zu voreilig als vermeintlich leicht tituliert wurde. Es wäre fatal zu glauben, dass die anderen nicht gut kicken können. Für viele Mannschaften, die man nicht so kennt, ist das eine Bühne. Deswegen sind wir gut beraten, jeden Gegner ernst zu nehmen.

Manch einer hat schon gegen Real Madrid und andere Kaliber gespielt. Kann das gegen Gegner wie Olexandrija zur Gefahr werden?

Einige von denen, die die guten Zeiten erlebt haben, haben aber auch schon den Abgrund gesehen – den Fast-Abstieg in die 2. Liga. Ich glaube, die Mannschaft empfindet es als Privileg, dass wir uns für die Europa League qualifiziert haben
          

Im Gespräch: Engelbert Hensel (l.) und Nick Heitmann (M.) von der AZ/WAZ mit Frank Witter. FOTOS (4): BORIS BASCHIN
Im Gespräch: Engelbert Hensel (l.) und Nick Heitmann (M.) von der AZ/WAZ mit Frank Witter. FOTOS (4): BORIS BASCHIN

Woran machen Sie das fest?

Ich spreche ja mit dem einen oder anderen, und man spürt auch die Vorfreude. Auf diese Bühne wollten wir, dass es jetzt schon geklappt hat, war sicherlich eine positive Überraschung. Natürlich ist man anders programmiert, wenn da ein Hochkaräter wartet, der normalerweise sogar Champions-League-Niveau hat. Unser Kapitän Josuha Guilavogui ist da aber sehr wach und präsent, die Jungs sind nicht satt. Und man hat ja in der Vorsaison an den Frankfurtern gesehen, wie weit man durch die Erfolge getragen werden kann.

Francisco Garcia Sanz hat als ihr Vorgänger im Amt des Aufsichtsrats-Chefs mal gesagt: „Da, wo Volkswagen draufsteht, muss man auch vorn dabei sein!“ Gilt dieser Satz immer noch?

VW möchte in seiner Kernkompetenz, dem Automobilbau, erfolgreich sein, das bedeutet, Kunden zufriedenzustellen, nachhaltig zu agieren und verlässlich zu sein. Wenn wir uns im sportlichen Bereich positionieren, wollen wir natürlich auch dort diesen Attributen gerecht werden, wohlwissend, dass man weder im Automobilgeschäft noch im Sport etwas erzwingen kann. Man muss die Voraussetzung schaffen, der Rest ist Kontinuität, harte Arbeit und man braucht ein Ziel vor Augen. Wir sind nicht so vermessen zu sagen, es muss immer die Champions League sein. Dass wir nach zwei sehr, sehr schweren Spielzeiten jetzt in der Europa League spielen dürfen, ist eine tolle Weiterentwicklung, die über Plan liegt.

Wäre der Saisonstart weniger erfreulich ausgefallen, wäre möglicherweise die Frage aufgekommen, warum man in der vergangenen erfolgreichen Spielzeit nicht alles getan hat, um den Vertrag mit Trainer Bruno Labbadia zu verlängern. Sind Sie froh, dass Sie um dieses Thema herumkommen?

Es ist richtig, der gute Saisonstart unterbindet die eine oder andere kritische Frage und beruhigt die Gemüter. Wenn man die Pflichtspiele aber mal Revue passieren lässt, haben wir trotz der tollen Ausbeute immer noch Luft nach oben, da greift noch nicht jedes Rädchen ineinander. Das kann aber auch nicht sein, weil wir in Sachen Aufstellung, Zusammenspiel der Mannschaftsteile und Philosophie des Trainers jetzt deutlich anders positioniert sind. Um diesen Weg konsequent weiterzugehen, hilft es natürlich, wenn man nicht gleich Feuer unterm Dach hat.

Bruno Labbadia ist ein Vater des Erfolges. Wurde er zu einem der Europa-League-Spiele eingeladen?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber ich würde mich auf jeden Fall, wie bei jeder Gelegenheit, freuen, ihn wiederzusehen. Wir hatten immer ein offenes, direktes Verhältnis und haben uns ausgetauscht.

Wie deutlich ist schon die Handschrift von Labbadia-Nachfolger Oliver Glasner zu sehen?

Unsere Verteidigungslinie steht anders, das Profil der Spieler ist klar umschrieben, da geht’s um Tempo, um Zug nach vorn, um Überzahl in den kritischen Zonen. Er lässt einen anderen, interessanten Stil spielen, die Mannschaft hat das angenommen und schon in wesentlichen Teilen verinnerlicht. Jetzt muss man abwarten, wie sich das Konzept in den verschiedenen Wettbewerben durchsetzt und wie wir mit dem einen oder anderen Rückschlag umgehen. Bisher bin ich aber sehr zufrieden.


"Ich telefoniere mit Jörg Schmadtke einmal pro Woche. Er kennt meine Erwartungshaltung, weiß aber auch, dass er die Rückendeckung des Aufsichtsrats hat."


Wo hakt es noch?

Gegen Paderborn haben wir gemerkt, wie viel Mühe uns ein körperlich und sehr schnell agierender Gegner bereitet hat.

Wie bewerten Sie die Neuzugänge? Gibt es jemanden, der sie bisher am meisten überzeugt hat?

Ich würde da keinen hervorheben. Aber ich verstehe, warum der Trainer Joao Victor mitgebracht hat, man konnte auch schon sehen, warum die Sportliche Leitung Xaver Schlager wollte. Sein verletzungsbedingter Ausfall ist sehr bedauerlich, weil er vermutlich eine tragende Rolle im Mittelfeld gespielt hätte. Grundsätzlich glaube ich, dass wir über einen wirklich guten Kader verfügen.

Ist er aber auch gut genug für drei Wettbewerbe?

Natürlich fehlt uns ein Spieler wie Schlager, auch Daniel Ginczek wird noch ein bisschen brauchen, ist aber auf einem gutem Weg, Koen Casteels ebenfalls. Und ich hoffe, dass Ignacio Camacho noch mal die Kurve kriegt, ich mag ihn als Spieler und als Mensch. Man sieht, dass wir die Breite im Kader benötigen, um die Dreifachbelastung wegzustecken. Die Truppe hat, so wie sie jetzt aufgestellt ist, zu Recht unser Vertrauen.

Das ist nicht zuletzt das Verdienst von Manager Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer. Wie kann man sich das vorstellen: Pflegen Sie einen regelmäßigen Austausch mit den beiden?

Ich telefoniere insbesondere mit Jörg Schmadtke einmal pro Woche, das ist ganz unkompliziert. Er kennt meine Erwartungshaltung, weiß aber auch, dass er die Rückendeckung des Aufsichtsrats hat. Ich kann mich noch gut an meine Anfangszeit erinnern, da brannte die Hütte. Die Sportliche Leitung war schwer angeschlagen, die Mannschaft verunsichert, dazu der Trainerwechsel – das war schon eine intensive, schwierige Zeit. Deswegen sollte man Erfolg genießen, er ist nicht garantiert.

In der Vergangenheit wurde beim VfL zuweilen viel Geld verpulvert. Inwieweit hat es Sie überrascht, dass – überspitzt formuliert – nicht mehr alle drei Tage jemand um die Ecke kommt und 50 Millionen Euro für neue Spieler fordert?

Es ist nicht so, dass nicht auch in der Vergangenheit versucht wurde, mit Augenmaß zu arbeiten. Nimmt man mal eine längere Periode, dann war die wirtschaftliche Bilanz gar nicht so schlecht, auch wenn da natürlich der Transfer von Kevin De Bruyne eingerechnet ist. Dann kamen die beiden Relegations-Jahre, in denen wir vor dem Hintergrund des fehlenden sportlichen Erfolges ein deutlich zu teures Team hatten, sodass wir gesagt haben: Wir müssen dem Rechnung tragen, aber auch weiter angemessen in die Mannschaft investieren. Es ist jedoch klar, dass wir den einen oder anderen Spieler, der interessant für uns ist, nur hätten holen können, wenn wir noch weitere Abgänge gehabt hätten. Wir waren natürlich nicht handlungsunfähig, mussten aber auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen achten. So eine Neu-Balancierung dauert zwei, drei Jahre, das geht nicht über Nacht.

Als Finanzfachmann muss man kühl kalkulieren können. Wie sieht’s beim Fußball aus: Sind Sie eher der ruhige, gelassene Beobachter oder gehen Sie richtig mit, emotionale Ausbrüche inklusive?

(lacht) Mein Sohn ermahnt mich gelegentlich, dass ich nicht zu peinlich sein soll. Ich springe schon mal emotional auf wie bei der nicht gegebenen Roten Karte gegen Paderborn. In dem Moment bin ich Fan, ich habe aber ansonsten eine gewisse Gelassenheit in mir. Das eine schließt das andere ja nicht aus.

2
/
5
Datenschutz